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andere Sichtweisen: »DerFührerhat bereits 1923 inLandsberg seine grundle-
genden Gedanken über den Bau deutscher Autobahnen niedergelegt und die
Reichsautobahnen bleiben in ihrer Eigenart… immer eine deutsche Schöp-
fung.«12 JedwedeVeröffentlichung,die aufdieVorgeschichteunddie Ideenent-
wicklungzumAutobahnbauBezugnahmen,wurdenunterbunden.
TechnikundLandschaft
DieReichsautobahnwurde indas ideologische SystemderNationalsozialisten
integriertunddientenachTodtder»Rasse-undReichsverwirklichung«.Technik
als Teil der Landschaft sollte nach denNS-Vorstellungen im Sinnemoderner
MobilitätdieunterschiedlichendeutschenLandschaftenbuchstäblicherfahrbar
machen und Technik, Kultur undNatur zu einem »völkischen Gesamtkunst-
werk« vereinigen.13Eine harmonische Linienführungmit großen Sichtweiten,
AussichtspunkteanbesonderseindrucksvollenBrückenbautenodereine lange
gerade Strecke durch denWald sind Beispiele der Umsetzung ideologischer
Ziele, die dasAutofahren zumNaturerlebnis stilisierten.Dasdazupropagierte
»Autowandern«aufden»StraßenderSchönheit«zum»ErfahrenundGenießen
derSchönheitendesLandes«knüpfte in idealerWeise andieLebensreformbe-
wegung an. »Landschaftsanwälte« bei allen 15 Obersten Bauleitungen sollten
dafür sorgen,dassdieAutobahnendieLandschaft nicht »verschandelten«und
sicheine»Harmonie zwischenNaturundTechnik« einstellte.Reklameentlang
derAutobahnwurde gesetzlichverboten.Natur undLandschaftwurden aller-
dings keinesfalls geschont oder geschützt, sondern die Landschaft als ästhe-
tischeEinheitmitdertechnischenInnovationderAutobahnverstanden,dievon
»Landschaftsarchitekten«modelliertwerdensollte.Einmodernesökologisches
Verständnis von Naturschutz kann hier nur ahistorisch hineininterpretiert
12 SchreibenvonFritzTodtanWillyHofvom15.Oktober1937(BArchR4601/1107),vgl.Karl-
Heinz Friedrich, »Ein sehr, sehr guterRat« (mit demausführlichenBriefwechsel zumUr-
heberstreit), https://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/01234/
index.html.de, zuletzt geprüft am 7.September 2016; FranzW. Seidler, Fritz Todt. Bau-
meister des Dritten Reiches, München: Herbig, 1986, 127ff. (zu Seidlers teilweise proble-
matischenPerspektivenvgl. ReinerRuppmann, »Rezension zu: Forschungsstelle für Stra-
ßen-undVerkehrswesen (Hg.):DieAutobahn.Vonder Idee zurWirklichkeit.Wien2005 /
Kreuzer, Bernd: Tempo 130. Kultur- und Planungsgeschichte der Autobahnen in Ober-
österreich. Linz 2005«, in:H-Soz-Kult, 13.Februar 2006, http://www.hsozkult.de/publica
tionreview/id/rezbuecher-7241, zuletzt geprüft am1.April 2015); ErhardSchütz undEck-
hard Gruber,Mythos Reichsautobahn. Bau und Inszenierung der »Straßen des Führers«
1933–1941, Berlin:Ch.Links, 2.Auflage2000, 18.
13 Vgl. Schütz und Gruber,Mythos Reichsautobahn, 124ff.; Charlotte Reitsam, Reichsauto-
bahnen im Spannungsfeld von Natur und Technik. Internationale und interdisziplinäre
Verflechtungen,München:FakultätArchitektur, 2006, 91ff.
DerMythosvonderReichsautobahn 219
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher