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MerkmalevonGründungsmythen
FolgtmanderMythentheorieRen8Girards,6danngeht jegliches normativ ge-
regelte kulturelle Zusammenleben aus demOpfer hervor. Für denAnfang der
AnthropogeneseseieingemeinschaftsstiftenderGründungslynchmordbzw.ein
Menschenopfer rekonstruierbar, das dann zwar durch kulturelle Codierung
verdeckt werde, aber im kulturellen Gedächtnis weiterwirke, wobei die Apo-
theosedesGeopfertenzueinemTeilderGründungserzählungwerde.7
AuchnachMirceaEliade sindMythen »heiligeGeschichten«8, die erzählen,
wie eine bestimmteKulturgesellschaft entstanden sei, wie sie sich in entschei-
dendenSituationenihrerEntwicklungbewährthabeundwelchenUrsprungdie
von ihr fürwesentlicherachteten,kollektivanerkanntenWertehatten.
MatthiasWächter hebt daherdie IntegrationmenschlicherGemeinschaften
unddiesinnstiftendeDeutungvonVergangenheitundGegenwartals»kardinale
Funktion«vonMythenhervor.9Mythenwirkten–namentlichinneuetablierten
politischenOrdnungen– identitätsbildend für einKollektivundmobilisierend
fürdieZukunft. Er siedeltdieFunktionenvonMythendeshalb imHandlungs-
felddersymbolischenPolitikan.10ÄhnlichbetontWolfgangKaschubainseiner
Untersuchung zur Entstehung und Transformation vonGründungsmythen in
den sich neu formierenden Staaten des ehemaligen Jugoslawien nach dem
Bürgerkrieg,dassGründungsmythenalsgewissermaßen»heilige«Narrativeder
Biographie einesKollektivs, basierend auf einemdichtenGewebe von Fakten,
Ideologien, SemantikundÄsthetik,WertenundPraktiken, ein facettenreiches
»Gesamtkunstwerk«darstellten.11
6 Ren8Girard,DasHeilige unddieGewalt, Zürich: BenzigerVerlagAG, 1987 (französische
Originalausgabe:LaViolence et le sacr8, Paris:Grasset, 1972).
7 Vgl.RudolfWansing,»Mythos«, in:NicolasPethesundJensRuchatz(Hg.),Gedächtnisund
Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2001,
392–393, sowieGirard,DasHeiligeunddieGewalt, 9–61.
8 MirceaEliade,DasHeiligeunddasProfane.VomWesendesReligiösen, FrankfurtamMain:
Insel Verlag, 2.Auflage 1985, 30–44, 58–60, 85–99 undpassim. FranzösischeOriginalaus-
gabe: Le sacr8 et le profane, Paris: Gallimard, 1965, hier zitiert nachMatthiasWächter,
»Mythos. Version: 1.0«, in:Docupedia-Zeitgeschichte, 11.Februar 2010, http://docupedia.
de/zg/Mythos, zuletzgeprüft am7.September2016.
9 »Da diese Erzählungen die existenziellen Grundbestandteile eines kulturellen Kontextes
berühren,wird ihreWahrheit innerhalb diesesKontextes nicht angezweifelt«, soWächter,
Mythos, 4.
10 Wächter,Mythos, 6und7.
11 »In other words, foundationmyths are tightly woven fabrics of data and ideologies, of
semantics and aesthetics, of values and pratices«. Sie seien »legends« und »narratives of
inventedcollectivebiographies«.»Theyaresacred,andtheyarebelieved,anditisimpossible
to deny or to criticise them, because they operate as a kind ofGesamtkunstwerk (sic!).«
Wolfgang Kaschuba, »The Emergence and Transformation of FoundationMyths«, in: Bo
Str,th (Hg.),MythandMemoryandtheConstructionofCommunity.HistoricalPatterns in
DerÉlysée-Vertragvon1963 267
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher