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»[J]ahrhunderte hindurch hatten sich die beiden benachbartenVölker be-
kämpft«14, heißt es in Schilderungen der Vorgeschichte des Vertrags, oder es
werden, um dessen Notwendigkeit zu unterstreichen, »jahrhundertelang[er]
[…]HassundBlutvergießen […]«15betont.Die zahllosenTotendieserKriege
ließensichdabeigewissermaßenalsdas»Opfer«interpretieren,derKriegalsder
»Brudermord«, der (quasi in grauer Vorzeit) dem erlösenden friedlichen Zu-
sammenlebenvoranging.
Auch das laut Eliade zentrale Erzähl-Element der Bewährung einer Kultur-
gesellschaftanentscheidendenPunktenihrerEntstehung lässt sichausmachen,
denn dieVorgeschichte desVertragswird – ebenso regelmäßig wie die »jahr-
hundertelange[n]Kriege«betontwerden–indenKontextderSaarabstimmung
1957/58, der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik
DeutschlandundFrankreichinderMontanunion,derWestintegrationdernoch
jungenBundesrepublik sowie indenKontextderDiskussionüberdieWieder-
bewaffnung der BRD eingeordnet, die jeweils als gelingende Schritte auf dem
WegderneuenStaatswerdungdargestelltwerden.
Undnicht zuletzt finden sich auch Elemente derMobilisierung für die Zu-
kunft und (normative) Impulse für eine Identitätsbildung durch die sinnstif-
tendeVerbindungzwischenVergangenheit,GegenwartundZukunft.Nichtnur,
dassderPlys8e-Vertragals»Grundstein«füreine»dauerndeZusammenarbeit«
und »gemeinsameFührungsrolle«16 (sic!) inEuropadargestellt wird, auchdie
Jugend, d.h. die Adressatinnen und Adressaten der Schulbücher, sollen im
Wissen um die Vergangenheit neue Perspektiven realisieren. Die Jugend als
Hoffnungsträger, aufZukunftorientiert, soll denRichtungswechsel imDenken
undHandelnfortführenundstabilisieren:»DeutschlandundFrankreichhaben
in ihrerGeschichte vieleKriegegegeneinander geführt. SucheBeispiele indei-
nemGeschichtsbuch!Verstehst du jetzt, daßdiedeutsch-französischeFreund-
schaft, insbesonderederdeutsch-französische Jugendaustausch,mit allenMit-
teln gefördertwerdenmuß?« lautet – imzweitenTeil recht suggestiv – einAr-
beitsauftrag inErkundenundErkennenvon1969.17
Ähnlich formuliert auch 2002und2003nochBuchnersKolleg: »Begründen
Sie,welcheBedeutung indiesemZusammenhangdie Jugendarbeithat«.18Sieht
14 GeschichteBand IV,NeuesteZeit, 126.
15 GeschichteundGeschehenA4, 196.
16 GeschichteundGeschehen10,AusgabeN,210.
17 ErkundenundErkennen.Geschichte3,Hannoveru.a.:HermannSchroedelVerlag,1969,160.
Hervorhebung(kursiv)durchdieAutorin.
18 Vgl.DeutschlandunddieWeltnach1945, 177.DurchdieAuswahlderQuellenauszüge,die
Hervorhebung derGründungdes deutsch-französischen Jugendwerks unddessenBedeu-
tung für die Zukunft (z.B. durchAktivitätenwie verstärkten Schüleraustauschusw.)wird
allerdings eine Sinnbildung imSinne einesGründungsmythos (mythe fondateur) nahege-
legt.
DerÉlysée-Vertragvon1963 269
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher