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derEntwicklung imSaarland.DerPlys8e-Vertraggalt hier als einSchritt unter
vielen, mit der Besonderheit, eine »dauernde[n] Aussöhnung« anzustreben.35
AuchMischformen beider Narrative lassen sich in den Schulgeschichtsbü-
chern der 1980er Jahre finden. So wird der Abschluss des Vertrags 1984 in
Geschichte – kennen und verstehen 10 für Bayerische Realschulen zwar dem
Prozess der politischen Vertrauensgewinnung zwischen den europäischen
Nachbarn zugeordnet, sprachlich bleibt jedoch der Duktus einermythischen
Gründungserzählung erhalten, denn der Vertrag habe »die Freundschaft zwi-
schendenbeidenStaaten […]besiegelt«.36
Hochinteressant ist die Veränderung der Darstellung in den Schulge-
schichtsbüchern der 1990er Jahre, die die These von der Mythenbildung zu
stützenvermagbzw. bestätigt: Erst jetzt taucht nämlichdasNarrativ »vonder
›Erbfeindschaft‹ zurFreundschaft« auf,wobeiderBegriff der »Erbfeindschaft«
immerhin jeweils in Anführungszeichen steht.37 Trotzdem fallen die Bücher
damit gewissermaßen hinter die Vereinbarungen von 1953 zurück, in denen
Hermann Heimpel die Rede von der »Erbfeindschaft« ausdrücklich als
»Zwangsvorstellung«bezeichnethat.38
Zugleich tritt der Kontext der europäischen Einigung in denVordergrund.
DerPlys8e-VertragwirdalsBasisstrukturfürdieEUgesehen,ersteheamBeginn
des europäischenEinigungsprozesses.Neu ist auchdieVerortungdesVertrags
in den politischen Verhältnissen im Frankreich der Nachkriegszeit und der
1960er Jahre sowie die Betonung der Rolle de Gaulles für die »Aussöhnung«
(Anführungszeichen sic!). Den Anstoß für diesen Prozess habe freilich Ade-
35 Soz.B. inGeschichte4NeuesteZeit(Realschulen),Bamberg:C.C.BuchnerVerlag,1984,142,
undvöllig identisch inUnserWeg indieGegenwart4NeuesteZeit (Gymnasien),Bamberg:
C.C. Buchner Verlag, 1984, 190. Diese Perspektive wird durch einen entsprechenden Ar-
beitsauftragvertieft.
36 Geschichte – kennen und verstehen 10, 252;Geschichte heute (fürHauptschulen inNord-
rhein-Westfalen), 9./10. Schuljahr, Hannover: Schroedel/Schoeningh Verlag, 1988, nimmt
entsprechende Kontextualisierungen vor und stellt den Vertrag als Ergebnis einer Ent-
wicklungdar, verwendet jedochauchnochpersonalisierendeElemente, indemderVertrag
alsErgebnisauchderpersönlichenFreundschaft zwischenAdenauerunddeGaulledarge-
stelltwird.Ebd., 178–179.
37 So bezeichnen etwaGeschichte undGeschehen 10, 209 sowieGeschichte 4G, 211, undGe-
schichteundGeschehenA4, 196, denPlys8e-Vertragals »Endpunkt«der »Erbfeindschaft«.
Auch in Zeitreise 4, 140, findet sich noch die Vokabel von der »Erbfeindschaft« (Anfüh-
rungszeichen sic), alsAkteure treten aber nunmehrdieRegierungenbzw. die Staaten auf,
nichtmehrAdenauerunddeGaullealleine.IndenBüchernder1990erJahrewirdderVertrag
häufigals »EndederFeindschaft«bezeichnet.
38 Deutsch-französischeVereinbarungüber strittige Fragen europäischerGeschichte.Vorwort
zurAusgabevon1958,3.EinsolchkritischerVerweis fehlt indenGeschichtsbüchernvöllig.
Der einzige Hinwies auf eine Distanznahme sind die Anführungszeichen, die aber nicht
erläutertwerden.
DerÉlysée-Vertragvon1963 275
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher