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als zusammengehörigangesehen.DaAdenauerunddeGaulleunterschiedliche
Konzepte für eine europäische Einigung, unterschiedliche Interessen sowie
unterschiedlicheVorstellungenvon»Europa«unddessenkünftigemVerhältnis
zu den USA hatten, waren ihre Einigkeit über die deutsch-französische
Freundschaft bzw. Zusammenarbeit undderen zentraleRolle in Europa sowie
schließlichderVertragdieses gemeinsame»Dritte«.56
Der»Positionswechsel«:Vonder»Erbfeindschaft«zurdeutsch-französischen
Freundschaft
Mit der FunktionAdenauers und deGaulles als Dioskurenpaar in dermythi-
schenErzählunggeht einweiteres StrukturelementmythischenErzählens ein-
her,dasClaudeL8vi-Straussalssolchesidentifizierthat,der»Positionstausch«.57
Im Verlauf der Narration nehme der Held gegensätzliche Positionen ein. Je
intensiver – z.B. durch Tausch zwischen extremweit auseinander liegenden
Positionen – oder extensiver (im Sinne vonmehrfachenWechseln in kurzen
Zeitabständen)dieser Positionstausch erfolge, umso eherwerde einEffekt der
Integrationder beidenExtrempositionen in der Figur desmythischenHelden
erzielt. Während L8vi-Strauss diese Beobachtung auf einen Helden im Sinne
einer Person bezog, lässt sie sich in den Schulbüchern für die beiden Länder
FrankreichundDeutschlandausmachen:DerPositionstauschwirdvollzogenin
derWendung »vonder ›Erbfeindschaft‹ zur Freundschaft« oder zur »Partner-
schaft«.58Vor demHintergrund desAnsatzes von L8vi-Strauss erschließt sich
auch,warumdiese Erzählfigur erst in den 1990er Jahren inden Schulbüchern
auftaucht: Der extreme Positionswechsel Deutschlands und Frankreichs »von
der ›Erbfeindschaft‹ zur Freundschaft« (oder: Partnerschaft) verstärkt denEf-
fektder Integration, indiesemFalledereuropäischen Integration.
EineMöglichkeit, denMythos und das damit verbundene »Potenzial« der
Sinnbildung undWelterklärung auf Dauer zu stellen, auch über die Zeit des
Lebens undWirkens der tatsächlichen historischen Personen hinaus, besteht
darin,Mythenuntereinander so engwiemöglichzuverkoppeln.59
Dies geschieht imhier vorgestelltenBeispiel zumeinendurchdie engeVer-
56 Vgl. z.B.Geschichteheute;ähnlichaberauchschonGeschichteBand IV,NeuesteZeit.
57 Hierzitiert nachParr,SystemderdeutschenGründungsmythen, 25–26.
58 Vgl. dazu die Formulierungen in den Schulgeschichtsbüchern: »FrankreichundDeutsch-
land: Von »Erbfeinden« (Anführungszeichen sic) zu Freunden«übertiteltGeschichte 4 G,
211, den entsprechendenTextabschnitt undweist zusätzlich auf den Symbolcharakter des
Vertrags hin.Geschichte undGeschehen 10, 209, spricht vonder Ȇberwindungder jahr-
hundertealten»Erbfeindschaft««(Anführungszeichensic).UndGeschichteundGeschehenA
4, 196, unterstreicht, dass »Aus der »Erbfeindschaft« (Anführungszeichen sic), die jahr-
hundertelangzuHassundBlutvergießengeführthatte«,eine»Partnerschaft«gewordensei.
59 Vgl.Parr,SystemderdeutschenGründungsmythen, 28.
DerÉlysée-Vertragvon1963 279
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Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Title
- Mythen in deutschsprachigen Geschichtsschulbüchern
- Subtitle
- Von Marathon bis zum Élyseée-Vertrag
- Authors
- Roland Bernhard
- Susanne Grindel
- Felix Hinz
- Editor
- Christoph Kühberger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-0686-6
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 294
- Category
- Lehrbücher