Page - 150 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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deutlich zu demonstrieren, meiner Ansicht nach wohl das wichtigste
taktische Detail der Gefechtsführung. ]\üt reichlich viel Munition
ließ ich ein wirkliches Artilleriewirkungsfeuer durchführen. Aus einer
Angriffsbasis von 8km wurde das Feuer gegen den Einbruchsraum
konzentriert und erst, als die Zielveränderungen deutlich sichtbar
waren, der Infanterieangriff vorgetragen und die Stellung, eine do-
minierende Felsposition, gestürmt. Die verherende Wirkung, die
das Feuer mit mathematischer Verläßlichkeit erbringen mußte, wurde
an Ort und Stelle besehen und darauf hingewiesen, wie darnach der
Sturmangriff wesentlich erleichtert sei. Diesen Grundsatz betonte
ich bei jeder Gelegenheit als Korpskommandant und auch später als
Armeeinspektor. Leider war es nicht möglich, ihm Geltung zu ver-
schaffen, da der Generalstab von solch systematischer, gründlicher,
allerdingsauch langweiligerundwohl auch schwer darstellbarerFeuer-
vorbereitung wenig wissen wollte. Um so weniger, als dieser Grund-
satz die bisher angenommene Manöverpraxis vielfach gestört hätte.
In den Schriften wurde darüber wohl doziert. In Praxis kam aber
jeder zu kurz, der gründlich sein wollte. In der Richtung dieses
Grundsatzes waren übrigens die Franzosen am besten vorgebüdet,
imd von ihnen stammt auch der Begriff des ,,Trommelfeuers", das
schließlich nichts anderes ist, als die Anwendung katexochen jener
früher dargelegten taktischen Grundregel.
Jene Übungsperiode endete mit einem dreitägigen freizügigen Ma-
növer. Von meinem Standpunkte aus, einem 1900m hohen, isolierten
Bergkegel, konnte ich alle Phasen beobachten. Am letzten Manöver-
tag, um 6 Uhr früh, ging der Angriff der Entscheidung entgegen.
Die Sonne stieg in leichte violette Schleier gehüllt hinter dem ge-
waltigen Dormitor— Montenegros Wahrzeichen— empor und goß
ihren märchenhaften Farbenglanz auf die bizarren Felsen, Täler imd
Schrunde. Es war eine ernste, strenge Natur, die ihren Söhnen keine
Geschenke bot. Und doch konntemanverstehen, daßauch dieseöden,
sterüen, zur Armut verdammten Felsen und Grate ob ihrer wilden
Schönheit geliebt und mit Stolz Heimat genannt wurden. Ich fühlte
ein wehmütiges Abschiednehmen von meinem geliebten Korpsbereich.
Und als später die Bataillone an mir vorbeidefilierten, präzise, stramm
geschlossen, Mann für Mann in vollendeter Haltung, trotz schwierig-
ster Wegeverhältnisse, hatte ich das befriedigende Bewußtsein,
daßichmeinKorpsin bester undschönsterOrdnung übergeben würde.
Eine Woche später erhielt ich aus der Müitärkanzlei ein Chiffre-
telegramm, ich möge mich umgehend in Wien einfinden. Angekom-
men, erwartete mich Brosch am Bahnhof und bat mich, sofort im
Belvedere zu erscheinen. Nach herzlicher Begrüßimg eröffnete mir
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918