Page - 159 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Image of the Page - 159 -
Text of the Page - 159 -
die Vergangenheit so recht an den Erilst meiner Stellung und be-
stärkte meinen Vorsatz, alles einzusetzen zur Erreichung eines sach-
lichen Zieles— unbekümmert um Lob und Tadel.—
Am 6. Oktober hatte ich mein erstes Referat beim Kaiser.
Man erschien hierbei in Halbparade. Der am Schreibtisch sitzende
Monarch erhob sich höflich und bot dem Minister Platz an. Da dem
höchst einfachen Schreibtisch kein Aktentisch beigeschoben war,
mußte man die Aktentasche— das Portefeuille— auf den Knien
balancieren, was bei dem oft voluminösen Inhalt mitunter recht un-
bequem wurde. Der Kaiser hörte den Vortrag mit großer Aufmerk-
samkeit an und überraschte häufigdurch eineaußerordentliche Detail-
kenntnis. Dies zwang zu sorgfältigster Vorbereitung. Entscheidungen
untergeordneter Natur wurden meist rasch getroffen. Bei belang-
reichen Materien war man aber gewöhnlich lange im unklaren, ob
sie genehm oder nicht genehm seien. Das leichte Kopfnicken konnte
ebenso gut bejahend wie verneinend gedeutet werden. Selten fiel
die Entscheidung beim ersten Referat. Man erfuhr die allgemeine
Anschauung des Monarchen gewöhnlich erst einige Tage später durch
den Generaladjutanten Baron Bolfras.
Die Behauptung, daß der verewigte Kaiser keine unangenehmen
Dinge hören wollte, ist meiner Erfahrung nach irrig. In seiner mär-
chenhaft langen Regierungszeit hatte Franz Josef so viele Ereignisse
gesehen und erlebt, daß ihm keine große Empfänglichkeit mehr eigen
war. Z. B. die Nachricht von den verblüffend raschen Siegen der
Balkanstaaten im Spätherbst 1912 und der bald darauf ergangene
Befehl zur vollen Bereitstellung von sieben Korps ließen ihn nicht
anders erscheinen, als anläßlich der Zustimmung zu irgendwelcher
Personalzulage oder Adjustierungsänderung. Das lag wohl im Cha-
rakter, der ihn trotz der vielfachen, oft furchtbaren Vorkommnisse
ein so hohes Alter bei relativ unvergleichlicher Frische erreichen ließ.
Bei dieser Veranlagung, Ausgeglichenheit und geringen Empfind-
samkeit, entsprachen die mannigfachen byzantinischen Erzählungen
von Herzensgüte und Herzensweichheit der Wahrheit nur im gering-
sten Maße. Unerbittlich hart, jede Strenge billigend war der alte
Kaiser, wenn er vermutete, jemand könnte seine Herrscherautorität
nur mit einem Gedanken streifen. Doch nur solchen gegenüber, die
seinen Machtmitteln erreichbar waren. Im Gegenfalle konnte er aber
sogar eine erstaunliche Gelassenheit und Unempfindlichkeit zur Schau
tragen. Allerdings war esdann nicht rätlich, auf solche Vorkommnisse
hinzuweisen, aber auch nicht notwendig, denn der Kaiser behielt sie
im Gedächtnis und vergaß sie nie. Eine Eigentümlichkeit, die er mit
allen Mitgliedern seines Hauses teilte. Seiner konservativen Sinnesart
159
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918