Page - 171 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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wesen, mich in diesen Streit nichteinzumengen. Ichwußteauch, daß
mir daraus nur Unannehmlichkeiten erwachsen würden. Anderer-
seits fühlte ich mich als verantwortlicher Chef der Militärver-
waltung moralisch verpflichtet, zu einer derartigen kardinalen Frage
Stellung zu nehmen. Das Schweigen schien mir wie ein Auskneifen
in einem Momente, wo sich vor meinen Augen eventuell eine
Hauptstaatsaktion entspinnen mußte oderneuepolitischeWegeeinge-
schlagen werden sollten. Aus dieser Überzeugung entstand der
Immediatbericht vom 20. November 1911, dessen Kopie in Beilage 2 Beilage 2
ersichtlich ist.
Ich war alles eher als kriegslustig. Nicht aus Pazifismus oder
Qmetismus, wohl aber aus der mÜitärpolitischen Ansicht heraus,
daß der Krieg schließlich das ernsteste und folgenschwerste Wagnis
der Menschen und Staaten bedeutet, darauf man sich nur im aller-
äußersten Fall und nur dann einlassen darf, wenn die ponderabilen
Werte zum mindesten auf Chancen weisen. In dem damaligen Zeit-
punkt standen sie aber einfach schlecht. Allerdings unter der Vor-
aussetzung, daß aus dem Kriege mit Italien sich automatisch der
allgemeine Krieg entwickeln würde, was mir als tote Gewißheit schien.
Von da ausgehend, konnte ich mich mit kriegerischen Abenteuern
wohlnichteinverstanden erklären, mußte aber doch darauf hinweisen,
daß das Bundesverhältnis mit Italien (so wie es seitens Italiens
tatsächlich eingehalten wurde) direkt schädlich sei. Dabei kam
es mir auch darauf an, bei Klarlegung der Gefährlichkeit unserer
politischen Situation die Regierungskreise und die Bevölkerung zu
größerer Beachtung der eigenen militärischen Verhältnisse und
Vorsorgen zu veranlassen. Mit dem ewigen Herauskehren der sup-
ponierten Festigkeit unserer Bündnisse wurden doch stets alle ge-
planten Kraftanstrengungen unterbunden, in erster Linie in Ungarn,
wo man dem Bündnis mit Italien direkt eine perverse Sympathie
entgegenbrachte.
Conrads und meine Darlegungen gingen dem auf den Dreibund
eingeschworenen Minister des Äußern wider den Strich, und da der
KaiserihmConradsDenkschriftundmeineStellungnahmehierzuüber-
wies, kam'szumKonflikt, Zunächsterfolgte eine scharfeAuseinander-
setzung zwischenAehrenthalund mir, wobei derschon sichtlichkranke
Staatsmann mir Vorwürfe über meine unkollegiale Haltung machte,
die ich aber refüsierte, da ich doch in den wichtigsten Interessen
des Staates handelte. Nach erregter Konversation gingen wir ohne
Gruß auseinander. Ich mit dem Bewußtsein, richtig gehandelt zu
haben, er wohl mit der Absicht, es auf ein Entweder-Oder ankommen
zu lassen. Am liebsten dürfte ihm der Rücktritt von Conrad und
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918