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tlial. Eine wiederholt eingelegte Walze mit wenig Modulation. Frie-
densschalmeien auf dieser besten aller Welten. Der hohe Ausschuß
zeigte sich höchst befriedigt. Dann kam ichund redete mir alles vom
Herzen. In mehr als einstündiger Rede legte ich unsern ganzen mili-
tärischen Jammer bloß. An der Hand statistischer Daten bewies ich,
daß wir mit den militärischen Rüstungen seit altersher absolut und
relativ nachhinkten und uns von allen Mächten distanzieren ließen,
(Das berüchtigte: „Toujours en retard d'une armee et d'une idee!")
Ich sagte, daß das Militärwesen unser Aschenbrödel, und daß das
Beamtenwesen das weitaus prävalierende Element sei. Österreich-
Ungarn hatte zu jener Zeit ein Beamtenheer von 800 000 Personen,
also fast so viel, als derKriegsstand des gemeinsamenHeeres betrugt).
Der Effekt meiner Worte war unleugbar, aber nur in der Rich-
tung, daß man mich in den weitesten Kreisen einen gefährlichen,
zum mindesten aber höchst unbequemen Verwalter des Kriegs-
ressorts nannte. Einer der maßgebenden ungarischen Delegierten
wollte, daß diese Sitzung nachträglich geheim erklärt würde, wo-
gegen ich sofort Einspruch erhob. Unsere eventuellen Feinde, die
es nicht wissen sollten, waren doch über alle Tatsachen vollständig
orientiert, und die eigene Bevölkerung sollte doch nicht ewig in den
Glauben eingelullt werden, daß sie für die Wehrfähigkeit der Mon-
archie die schwersten Opfer bringe.
lycbhafte Widersacher erwuchsen mir. Ungarischerseits war es in
erster I^inie der Abgeordnete Heltai Ferenc, ansonsten Regierungs-
mann, der mich scharf aufs Korn nahm. Er forderte peremptorisch
die Erklärung, ob ich den Schönaichschen Pakt einhalten wolle oder
nicht. Ich versprach es, solange ich dazu verpflichtet sei, entgegnete
aber, die Delegation würde mich wohl selbst davon befreien, wenn
^) In einer im Sommer 1913 tmter dem Titel ,.Bilanz des Balkankrieges"
von mir anonym verfaßten Broschüre sagte ich: ,,Der österreichische oder der
tmgarische Finanzminister, der händereibend von einer Ministerkonferenz
kommt, in der es ihm gelang, die von der Heeresverwaltimg als imbedingt not-
wendig gefordertenAnsprüche zurückzuweisen, hat nvir den Nachweis erbracht,
daß ihm die Eigenschaft zum Finanzpolitiker fehlt. Denn die Summen, die er
am Konferenztisch nicht bewiUigen will, zu einer Zeit, da man für Deckimg
systematisch und in aller Riüie hätte vordenken können, die werden dami
mit einem Male gebraucht mid verausgabt, wenn die Konjimkturen
hierfür am allerimgünstigsten hegen und wo sie dann oft überhastet imd ohne
Wahl verwendet werden müssen. Vor allem aber geschieht es nur zu leicht,
daß dtirch die im gegebenen Momente fehlende volle Kriegsbereitschaft des
Heeres schwankende oder zagende Entschlüsse der obersten L,eitiuig sich
geltend machen mid hierdm-ch der Volkswirtschaft indirekt Summen ent-
zogen werden, gegen welche die ursprüngüch angeforderten eine Kleinigkeit
bedeuten. Gerade Österreich-Ungarn hat das einigemal miterlebt imd mit-
erlittentmd leidetdarannoch beständig."
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918