Page - 184 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Diner galt dem Generalstabe der österreichisch-ungarischen Armee,
der gerade zu jener Zeit in dienstlicher Angelegenheit aus allen Teilen
des Reiches in Wien versammelt war.
Bei den fremden Diplomaten, in den Ministerpalais und in den
Palais des Hochadels gab es glänzende Routs. Außerdem luden die
Botschafter zu kleinen Diners intimen Charakters. Wenngleich die
äußeren Aufmachungen einander sozusagen auf der ganzen Welt
ähnelten, so lag doch für jeden, der suchen und sehen konnte, über
jedem dieser kleinen Feste die fein abgetönte Note der Eigenartigkeit
der Anschauung und PoHtik des betreffenden I^andes.
Im Frühling 1912 beherbergte Wien einen politisch bemerkens-
werten Gast— Monsieur Deschanel, den nachmaligenPräsidenten der
französischen Republik. Dieser vielerfahrene, meist im Vordergrimd
gestandene Politiker absolvierte eine Tournee, die ihn in die meisten
Hauptstädte Europas führte. Es dürfte ein letztes I^iebeswerben der
Entente um unsere Monarchie gewesen sein, mit der Absicht, sie der
deutschen Umarmung zu entziehen. Wir lernten Monsieur und Ma-
dame Deschanel gelegentlich eines intimeren Dejeuners beim Grafen
Berchtold imd eines Diners auf der französischen Botschaft kennen.
Bei letzterem machte der Botschaftsrat Graf St. Aulaire, der sich
schon damals des Rufes eines sehr zielbewußten Diplomaten erfreute,
in x4Lbwesenheit seines Chefs, Monsieur Crozier, die Honneurs. Cha-
rakteristisch war die intime Freundschaft des französischen Bot-
schafters mit dem Botschafterpaar Großbritanniens, Sir Fairfax imd
Lad}^ Cartwrigh, wodurch die Innigkeit der Entente auch ihren
äußerhchen Ausdruck fand.
Scheinbar fernstehend bheb der russische Botschafter Herr von
Giers, in dessen Salon die russische Beobachtungspolitik ihr Lager
aufgeschlagen hatte. Auch zwei entzückende russische Prinzessinnen
altberühmten Namens, die Freundinnen der Botschafterin, gehörten
zu den Intimsten dieses Kreises, selbstverständHch auch das Attache-
paar Zientkiewitsch, das wegen allzu großer militärisch-poHtischerTä-
tigkeit Wien bald verlassen mußte. Außerordentlich korrekt gab sich
der Herzog von Avarna, Italiens letzter Botschafter, der unserem
Staate so freundschaftlich gesinnt war, als dies einem italienischen Di-
plomaten nur möghch war. Doch niemand hätte indem stets liebens-
würdig grinsenden japanischen Botschafter Akidzuki den Vertreter
einer uns feindhchen Macht vermutet. Allerdings noch weniger im
jovialen Yankee Mr. Kerens, dem Botschafter der U. S.A. Häufig zu
sehen war das gesandtschaftHche Ehepaar Brasiliens, Herr und Frau
Azevedo, desgleichen jenes von Rumäruen, Herrund Frau Mavrokor-
dato. Sehr beliebt waren der rumänische Militärattache Major Eremie
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918