Page - 196 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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ein Walter Rathenau vor, wie die Deutschen ihnim Weltkrieg fanden.
I^eider kam ich über das Anfangsstadium nicht hinaus, da meine
Amtstätigkeit eine zu kurze Dauer hatte.
Ende Juni war der Zeitpunkt gekommen, das Budget für das lau-
fendeund daskommende Jahrim Konferenzwege zu regeln. Ich hatte
ein Programm zusammengestellt, wonach ein Separatkredit von
250 Millionen, auf fünf Jahresraten verteilt, beansprucht wurde.
Dieses Programm betraf Forderungen, die ich alle als unerläßhch
und als minimal gehalten bereits wiederholt nachgewiesen. Sonach
hatten sämtliche Minister den Text meines Liedes schon mehrfach
vernommen. Ich lud daher denChef desGeneralstabes, Feldmarschal-
leutnant Schemua, ein, meine Anforderungen auch von seinem Stand-
punkte aus zu beleuchten. Zeitgerecht kamen überdies von außen
zwei Momente dazu, die mich hätten imterstützen müssen, wenn
meine Herren Ministerkollegen einer objektiven Beurteilung zugäng-
lich gewesen wären. In der serbischen Skupschtina wurde nämlich
ein sofortiger Kredit von 21 Millionen Dinars zur ,,Ergänzung der
Mimitionsvorräte" eingebracht und mit allen Stimmen gegen eine
prompt bewilligt. Diese Summe war für das damalige Serbien bei-
läufig das, was für Österreich-Ungarn eine halbe Milliarde gewesen
wäre. Dabei wurde dieser enorme Betrag nicht etwa für eine all-
mähliche organisatorischeAusgestaltungangesprochen, sondernadhoc
für sofortige Beschaffimg vonMunitionsvorräten, die eine baldigeVer-
wendung erheischten. Weiters wurde bekannt, daß die Franzosen von
der zweijährigen Dienstzeit spontan wieder auf die dreijährige zurück-
griffen, wobei die hierdurch automatisch eintretende Erhöhung der
Friedensstände beiläufig ein Drittel des ganzen Bestandes derArmee
ausmachte. Diese Flammenzeichen schlugen zum Himmel imd wer
nicht sah, daß sich da etwas vorbereite, der wollte es ebennichtsehen.
Tatsächlich fand gerade an diesen Tagen auch der Abschluß der
Militärkonvention statt, die die vier Balkanstaaten unter Rußlands
Patronanz schlössen, nachdem — wie schon erwähnt— der poli-
tische Teü der Balkankonföderation bereits im März zustande ge-
kommen war. Wenngleich der Abschluß der Militärkonvention dem
Minister des Äußern am Konferenztage noch nicht bekannt gewesen,
waren die beiden erwähnten Ereignisse doch so zwingender Natur,
daß es für ihn, als Vorsitzenden der Konferenz, ein leichtes gewesen
wäre, die Dringlichkeit meiner Forderungen auch von seinem Stand-
punkte aus zu imterstützen. Allerdings war sein Expose nicht so
rosig gefärbt wie jenes vom April, doch letzten Endes in so viele
,,Wenn" und „Aber" eingewickelt, daß es die P. T. hohen Anwesen-
den nicht allzu sehr erschütterte.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918