Page - 208 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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verworren, daß es wirklich nicht leicht war, den Ariadnefaden aus
dem Labj'^rinth zu finden.
Ich versuchte den Grafen Berchtold zu veranlassen, dem Kaiser
die Berufimg eines Kronrates nahezulegen. Dabei hätte die Richtung
festgestellt werden müssen, die unsere äußere PoHtik nun zu nehmen
hätte, danach alle miHtärischen, finanziellen und wirtschaftUchen
Vorkehrungen zu treffen gewiesen wären, damit EinheitHchkeit in
alle Maßnahmen gebracht worden wäre. Leider geschah es nicht so.
Es wurden weder die Stimmen der Mitverantworthchen und der
oberstenFachorganevernommen, nochwurde mitgeteilt, nach welcher
Richtung eigentlich gesteuert werden sollte. Ich bin auch überzeugt,
daß eine bestimmte deutliche Richtung nicht existierte, sondern daß
man, wie bei uns fast immer, von Fall zu Fall wendete, vielmehr sich
wenden ließ. Wenn ein neues Lafettenmodell oder ein neuer Aus-
rüstungsgegenstand hätte eingeführt werden sollen, würde eine Kom-
mission wohl wochenlang darüber beraten haben, und die Entschei-
dung hätte dann erstnoch rechtvon der obersten Instanz abgehangen.
Die Frage aber, ob der Staat Krieg führen sollte oder nicht, wäre
gegebenenfalls von einer Stunde zur andern erledigt worden. Ob es
zwei Jahre später, als es wirklich zum Schlagen kam, auch so zuging,
entzieht sich meiner Kenntnis. Die obersten Generale, also die Ar-
meeinspektoren, wurden aber auch damals nicht befragt. Es ist mög-
hch, daß wenigstens im allerengsten Kreise eine entscheidende Be-
ratung rechtzeitig stattfand. Doch solche Beratung hätte eben schon
1912 erfolgen sollen, denn jedem ernsthaften Politiker war damals
vollkommenklar, daß alles einemKriege zutreibe, und daß ein solcher
früher oder später unausweichlich werden könne.
Um die Leitung der äußern Politik über die militärische Situation
fortlaufend in Kenntnis zu erhalten, informierte ich Berchtold ent-
weder persönlich oder ließihm die täglich zusammengestellten Skizzen
durch eines meiner ersten Fachorgane erläutern. Allerdings deckten
sich die Informationsberichte der Konfidenten des Außenministe-
riums selten mit jenen des Generalstabes. Letztere lauteten meist
düsterer als erstere. Trotzdem wurden aber noch keine miHtärischen
Maßnahmen getroffen, und nur die Rückbehaltung der Urlauber bei
den im Annexionsgebiet vmd in Dalmatien stationierten Truppen ver-
fügt. Ich blieb— wie schon erwähnt— taub gegen alle Wünsche des
Generalstabes sowie des Chefs der bosnisch-herzegowinischen Landes-
regierung, diefortwährendMobihsierungsverfügungenanstrebten.Sechs
WochenhindurchkonnteichdiesenZustandruhigenGewissenserhalten
und hätteihn—ähnlichwieinDeutschland—nochviellängererhalten
können, wenn unsere Friedensstände nicht so elend gewesen wären.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918