Page - 213 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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schon verhandelt worden waren, konnte ich der neuen Session ruhig
entgegenbHcken. Trotzdem war ich gespannt, welchen Widerhall die
immer drohenderen äußern Verhältnisse in der Delegation finden
würden, undich notierte meineEindrückeundGedanken auf flüchtige
Tagebuchblätter. Wenngleich die Ereignisse dann nicht himmel-
stürmend wurden, danke ich diesen Notizen dennoch, daß sie jene
Zeit festgehalten, denn sie dienten mir drei Jahre später, in den
furchtbarsten Stunden meines Lebens, gewissermaßen als Entlastungs-
zeugen. —
Zur Orientierung meiner Leser sei erwähnt, daß die andauernden
Erfolge der christlichenBalkanstaaten unser ÄußeresAmt, beziehungs-
weise die Krone, bestimmten, diese Erfolge anzuerkennen, d. h daß
man sich entschloß, jene Staaten die daraus erwachsenden Kon-
sequenzen ziehen zu lassen. Andererseits war die Schaffung eines
Fürstentums Albanien zum Beschlüsse erhoben worden, wenngleich
über dessen Umfang und Ausgestaltung noch die größte Unklarheit
herrschte. Man wußte auch gar nicht, ob Skutari, das zu jener Zeit
noch nicht erobert war, dazugehören würde oder nicht. Immerhin
erschien es höchst dringend und notwendig, daß der Minister des
Äußern sich mit der Erklärung dieser Beschlüsse beeile, damit
nicht etwa ein Staat der Gegengruppe— Rußland oder Frankreich—
sie zuerst auf sein Panier schreibe. Es bezweifelte auch niemand,
daß Graf Berchtold sofort eine Emanation würde verlauten lassen.
Im Nachfolgenden lasse ich Auszüge meiner Tagesnotizen sprechen.
Sie bringen vielleicht Interessantes und einen Einblick in das Ge-
triebe, darin die Ministertätigkeit sich zu jener Zeit bewegte.
„5. November. Tag so unfreundlich wie Situation. Parlament mit
doppeltem Kordon umgeben, doch kein Publikum zur Stelle. Eisige
Ruhe. Persönlicher Empfang sehr freundlich. Man verspricht sich
baldige Erledigung. Nachmittag, Expose Berchtold. Zwei Schritte
vor, einer zurück. Ganz unsere Methode. Ich bin der Ansicht, die
fortwährenden Siege der Balkanstaaten zu liquidieren, da man die
Türken nicht gestützt hat. Kann mich andererseits für die albanische
Idee nicht erwärmen. Ja, wenn wir Albanien bis inklusive des Sand-
zaks heranführen könnten ! Abend Souper mit den Herren der ]\Iunka-
partei (Regierungspartei). Lange Konversation mit Khuen und Tisza.
Wenn man so plaudert, glaubt man nur Freunde zu haben. Leider
ist's nicht so! Mir gegenüber sitzt Smrecsany mit einigen Volks-
parteilern. Grüßen freimdlichst herüber. Der reine Honig. Der
Essig kommt später!
6. November. Fortsetzung des Budgets des Äußern. Ich denke,
man sollte ganze Maßnahmen ergreifen, eventuell Serbien ans Meer
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918