Page - 228 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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los auf keinen Fall. Und da sich für den Vertreter der einheitlichen
Staatsgewalt kaum je wieder annähernd so günstige Verhältnisse er-
geben hätten wie 1902 bis 1906, wäre dieser Vertreter wohl genötigt
gewesen, sehr viel Wasser in seinen Wein zu gießen! Allerdings auch
der Gegenpart!
An Franz Ferdinand glaubten alle kleinen Nationalitäten Ungarns.
Alle erbUckten in ihm den Hort ihrer Auferstehung oder mindestens
ihrer nationalen Existenzmöglichkeit. Große Volksmassen erhofften
von ihm eine demokratisierende Richtung und wußten, daß er ihnen
das allgemeine Wahlrecht bringen wolle. Darum fanden nebst seinen
eigentlichen Informatoren und Vertrauensmännern, unter denen Kri•
stoffy hervorragte, auch ganz äußerst Linke direkt oder indirekt den
Weg zu ihm, wobei allerdings oft auch andere Motive als rein poli-
tische maßgebend waren. Übrigens war in Ungarn die Macht der
Krone noch immer eine so bedeutende, daß eine kluge, geschickte
und konsequente Äußerung von dieser Seite viele Schwierigkeiten
überwinden ließ. Und insolange die Krone Orden, Titel und hohe
Beamtenstellen, Adelsbriefe und Ministerposten zu verleihen gehabt
hatte, konnte sie auf einen großen, wenn auch vielleicht nur klan-
destinen Einfluß rechnen.
Einfacher lagen die Dinge in Österreich. Trotz des tobenden,
zentrifugale Klräfte auslösenden Kampfes waren die Prpvinzen zu
jener Zeit noch ergeben, vielmehr Untertan. Besonders die Slawen,
insoweit sie nicht von den separatistischen Gedanken erfaßt waren,
setzten große Hoffnungen auf Franz Ferdinand. Ob mit Recht oder
Unrecht, sei hier nicht weiter untersucht. Anderseits sahen die Deut-
schen darin ein gutes Zeichen, daß er bestrebt war, ihrer Sprache
volle Geltung zu belassen. Doch in keinem Falle wurde er durch Vor-
liebe für die eine, durch Mißgunst für die andere Nation geleitet.
Er war objektiv, voraussetzungslos, von Empfindsamkeiten nicht an-
gekränkelt. Er sah nur das Zusammenfassen und Zusammenfinden
aller Völker und Stämme,um die großen staatlichen Ziele mit Sicher-
heit zu erreichen. ,,Viribus unitis" ins Praktische übertragen.
Vertrauensmänner hatte Franz Ferdinand viele. Sie nützten sich
meist ab, wenn sie aus der Platonik in das praktische Wirken traten.
Als besonderes Beispiel sei Ministerpräsident Baron Beck genannt,
den er nach heißer politischer Liebe tirplötzlich in vollste Ungnade
verbannte.
In außenpohtischen Angelegenheiten genoß Graf Czernin des Erz-
herzogs Vertrauen, da er sich von Aehrenthal schon lange abgewendet
hatte und Berchtold nie hoch einschätzte. Der altkonservative Graf
Latour wurde in Armeefragen, Graf Clam-Martinic in innerpolitischen
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918