Page - 244 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
Image of the Page - 244 -
Text of the Page - 244 -
Ich besprach das Verhalten gegen meine Person mit Conrad, der
mir den Vorschlag machte, er würde mit Franz Ferdinand sprechen
und mir dann reinen Wein einschenken. Darauf ging ich aber nicht
ein. Es war doch höchst wahrscheinlich, daß der Erzherzog eine
Antwort erteilen würde, daraus ich sofort die Konsequenzen hätte
ziehen müssen. Dies wollte ich aber auf keinen Fall. Die ganze Welt
hätte dann supponiert, Manöverscheu treibe mich zu diesem spon-
tanen Rückzug. Dem war aber wahrhaftig nicht so. Wohl fühlte,
ja wußte ich es, daßman alles daran setzen würde,um mich zujähem
Fall zu bringen. Die höheren Generalstabsoffiziere, besonders die des
operativen Büros, sprachen ganz offen darüber, wie etwa von einer
zu gewärtigenden heiteren Novität. Und wie leicht man einem miß-
liebigen Führer im Manöver das Bein stellte, war mir wohlbekannt.
Doch trotzdem, ich wollte durchhalten! Ich fühlte mich nicht nur
meinem Gegner, sondern auch der ganzen Clique durchaus gewachsen.
Und schließlich war scheues Zurückweichen nie meine Art gewesen.
So ließ ich es darauf ankommen, wohl wissend, daß ein Malheur mir
sofort den ,,blauen Bogen" eintragen, ein ,,Gleich-auf-gleich-bleiben"
diesen Moment nm: wenig verzögern würde, und nur ein eklatanter
Erfolg mich wieder in den Sattel heben könnte. Darauf hoffte ich
und fuhr guten Mutes mit meinem Stab nach Budweis, dem Haupt-
quartier der 4.— roten— Armee.
Dieselbe zählte gleich jener des Gegners 60 Bataillone, 36 Eska-
dronen und 40 Batterien imd war in 5 Infanterie- und eine Kaval-
leriedivision gegliedert.
In Budweis wohnte ich auf das angenehmste in der Vüla des gast-
freundlichen Fabrikanten von Hardtmuth.
Von einerRekognoszierungstour zurückgekehrt, fand ich dieDetail-
bestimmungen für die Ausgangssituation und die Supposition. Ich
mußte zunächst lächeln. Die Ungleichheit in Verteilung von laicht
und Schatten war doch etwas allzu grell ausgefallen. Der Gegner
schon völlig zu umfassendem Angriff gruppiert, mit seinen fünfDivi-
sionenhalbbogenförmig inDivisionsmarschkolonnen auf gleicherHöhe,
imd die Kavalleriedivision zum Aufklärungs- imd Verschleierungs-
dienst vorausgestellt. Dagegen meine Armee in zwei Gruppen auf
40km hintereinander gestaffelt, die Kavalleriedivision weit rechts
auswärts in einfürKavalleriemassen—nachdamaligenAnschauungen
— recht ungünstiges Terrain verlegt. Ich erkannte, daß ich nicht
den geringsten Manöverechec erleiden dürfe, zumal die Ausgangs-
situation so ,,kunstvoll" arrangiert war, daß meine vordere Gruppe
kaum noch einen freien Rückzug gehabt hätte, meine Gegner aber
möglicherweise ein Sedan erhoffen konnten. Auf diese Erkenntrüs
244
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918