Page - 249 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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entgegen, denn ein abermaliges Brüskieren hätte zweifelsohne Kon-
sequenzen nach sich gezogen. Er saß, flankiert vom französischen
und russischen Kollegen, blaß zu Pferde und— uns allen fiel em
Steinvom Herzen, als der Erzherzog auch ihn mit einem Handschlag
begrüßte.
Es ist wohl selbstverständlich, daß ich mit dem Verlauf der Ma-
növer befriedigt war, doch drolligerweise war's auch die Bevölkerung
von Tabor, die in mir eine Art Beschützer sah. Die alte historische
Stadt gefiel mir übrigens ausnehmend gut. Behörden und Bewohner
waren von größtem Entgegenkommen. Auch einige tschechische Ab-
geordnete suchten mich auf, davon ich etliche von den Delegationen
her kannte. Unter andern der damalige Vizepräsident des Reichs-
tages Herr von Zazvörka, Sie versicherten mich ihres unbedingten
Vertrauens, und ich verließ den hübschen Ort und meine liebens-
wüdigen Hausherren mit Bedauern. An einem herrlichen Herbsttag,
im bequemen Auto, bei bester Laune fuhr ich heim. Es war schon
Abend, als ich die Franz-Josefs-Brücke in Wien passierte. Ein Jahr
später fuhr ich, zur gleichen Stunde, über die gleiche Brücke, im
gleichen Auto als Sieger in einer großen Schlacht und doch als Be-
siegter im Leben durch die Laune und Machtfülle des eigenen
prinzlichen Oberbefehlshabers. Solch reichen Wechsel zeitigte mein
Schicksal, und als geschickter Impresario knüpfte es oft die ver-
schiedensten Situationen an dieselben Orte.
Diese Manöver machten durch die allgemein bekannten Begleit-
umstände und den Verlauf Sensation. Sie fanden in der Publizistik
lebhaftes Echo, fast ausnahmslos in günstigem Sinne. Doch der
„Sieg" brachte mir auch Neider und Feinde sonder Zahl, die nur
darauf lauerten, mir mein nimmermüdes Emportauchen über ihre
Köpfe hinweg tüchtig heimzuzahlen.
Im Oktober1) feierte man vor dem Schwarzenberg-Denkmal den
hundertsten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig. Alles was
Rang und Würde hatte, war vertreten. Der Kaiser kam aus Schön-
^) 16. Oktober 1913! Welch imposante Macht repräsentierte damals noch
immer Österreich-Ungarn, wenngleich es von der Führerrolle, die es ein Jahr-
hmidert vorher besessen hatte, schon mähHch hinimtergeglitten war. Und
fünf Jalire später, ebenfalls am 16. Oktober, erließ Karl I. jenes famose
Manifest, das zum Zusammenbruch führte. Doch merkwürdigerweise lagen
auch die beiden anderen Kampfesgenossen vom Jahre 1813 und Festgenossen
von 1913— Deutschland und Rußland— zerschmettert am Boden, nachdem
sie einander zerfleischt hatten. Und unter den Triumphatoren stand in erster
Linie das führende Frankreich, der Besiegte aus jenen fernen Tagen. Wie
unberechenbar sind die krausen Windungen, die das Geschick der Völker und
Nationen bestimmen, vmd welches Bild würde sich dem spähenden Auge wohl
enthüllen, wenn es fünf oder hundert Jahre vorausblicken könnte?!
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918