Page - 257 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Verstehe wer's kann! Ich konnte an diese sublime Auffassung so
wenig glauben, daß ich nach der ersten Woche an eine Mobilisierung
eigentlich kaum mehr dachte und, von der persönlichen Trauer um
den toten Erzherzog abgesehen, sorgenlose Tage im schönen Land
Tirol verlebte. Was aber diese vergeudeten Wochen dann später
bedeuten sollten, mußten wir auf das schmerzlichste empfinden. Hier
sei nur kurz gesagt, daß der Krieg und die Welt wohl ein anderes
Gesicht angenommen hätten, wenn man sich durch lächerliche Äu-
ßerlichkeiten vom Schlage nicht hätte abhalten lassen, zu dem man
im Innern entschlossen war und mit dem die ganze Welt rechnete.
Aus tausendfachen Publikationen ist doch zur Evidenz festgestellt,
daß alle diesen Schlag ins Kalkül zogen. Sogar die Romanliteratur
und eine ganze Reihe aphoristischer Darlegungen von Männern und
Frauen, die in den letzten Vorkriegsmonaten im Auslande lebten,
wußten davon zu erzählen. So verschiedenartig die Ansichten auch
waren, in dem einen stimmten sie alle überein, daß in jenen Aus-
landsstaaten eine gehässige Kriegsstimmung herrschte, und daßman
über dieSarajewoerKatastrophe gar nichtsonderlichüberraschtwar.^)
In den ersten Julitagen reiste ich nach Innsbruck, sah mir das
schöne i. Tiroler Kaiserjäger-Regiment an und fuhr dann per Auto
über Kufstein und Reichenhall nach Salzburg zur Besichtigung der
59er, gleichfalls eines unserer Eliteregimenter, Auf der Weiterfahrt
nach Linz traf ich Herrn von Bilinski, meinen einstigen Minister-
kollegen. Er erzählte die überraschende Tatsache, daß das bosnische
Ministerium über die Details der Reise des Thronfolgerpaares eigent-
lich nur durch die Zeitungen Kenntnis erhalten habe, und schob die
ganze Schuld auf denLandeschef, der, blind auf einenErfolg hoffend,
dessen Ehren auch allein einheimsen wollte. Bilinski fuhr auf seinen
gewöhnlichen Sommeraufenthalt nach Ischl. Er, als gemeinsamer
Finanzminister, hatte also in jenem Momente— 10. Juli— offen-
sichtlich noch keine Ahnung, daß die Monarchie unmittelbar daran
sei, sich auf den Kriegspfad zu begeben.
In Linz sah ich eine interessante, mit einem Brückenschlag über
die Donau kombinierte Übung, an der auch die dort noch friedlichst
stationierte Division der Donauflottille teilnahm. Eines charakte-
ristischen Momentes entsinne ich mich. Der Kommandant dieser
Flottillendivision sandte am Schluß der Übung die Schießdetails—
^) Eine detaillierte Darlegung der Ursachen, die zum Krieg und Weltbrand
führten, fiele außerhalb des Rahmens dieser Schildenmg. Wie sich aber die
Kriegsmotive sukzessive und von den verschiedensten Seiten aus zusammen-
schoben, wird keinem aufmerksamen Leser dieses Buches entgangen sein. Die
Situation glich einem furchtbaren, sich von allen Seiten zusammenziehenden
Gewitter, das mit einem Male zur entsetzlichen Entladung kam.
17 Auffenberg 257
Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918