Page - 375 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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„21. September. II. Korps kann heute— Gottlob— Marsch fort-
setzen. Der Rasttag hat also kein Malheur erbracht. Doch unsere
allgemeine strategische Lage erscheint mir mißlich. Wir werden bald
zwischen Weichsel und Karpathen eingezwängt sein. Umfassung des
Gegners über die Weichsel wäre illusorisch. Würde vom Gegner
(feindliche 9. Armee) sehr bald von Norden her gefaßt werden. Von
Süden aus dem Gebirge heraus ginge es auch schwer. Flügelarmee
Böhm-Ermolli fände die schwierigsten Kommunikationsverhältnisse.
Am Dunajec befindet sich aber keine Stellung, aus der offensiv vor-
gegangen werden könnte. Bin gespannt, zu was sich Armeeoberkom-
mando entschließt. Schenk meldet, daß Bahnpersonal russophÜ ist
und gegen uns arbeitet. Er will Bahndienst militärisch organisieren."
,,Armeegeneralstabschef Krauß zum Armeeoberkommando befoh-
len. Merkwürdig! Was wül man denn von ihm? Zwar versichert
mir erst heute ein höherer Funktionär, daß Organe der 4. Armee
beim Armeeoberkommando stets eine besonders auszeichnende Be-
handlimg erfahren. Doch traue ich dem Landfrieden nicht!"
,,Wetter bessert sich, trotzdem zweifle ich, daßKolonnen heute ihre
verhältnismäßig weiten Marschziele erreichen können, da Landwege
furchtbar durchweicht sind. Vom II. Korps keine Meldung, aber auch
kein Kanonendonner. Scheint alles gut abzulaufen." (War auch so.)
,,Neben dem Hauptquartier — Schloß — ist Radiostation ein-
gebaut. Nachts fängt sie Telegramme ab, die die große Funkenstation
Norddeich bei Hamburg den Ozeandampfern übermittelt. 7 Uhr
früh präsentiert sie mir stets der diensthabende Offizier. Bin daher
über alle belangreichen Vorgänge am Kontinent, eigentlich auf der
ganzen Welt aufs beste informiert. Eine der großartigsten Erfin.
dtmgen menschlichen Geistes. Wie ein Zauber. Und welche Mög_
lichkeiten eröffnet noch diese beginnende Beherrschung des Äther
raumes?"
(Damals forschten wir immer zuerst nach den Nachrichten aus
Nordfrankreich. Es galt wie ein Glaubensbekenntnis, daß heut oder
morgen der Niederbruch Frankreichs erfolgen werde. Das ,,Wunder
von der Marne" war uns eben noch nicht bekannt.)
,,Ich stehe vormittag an der Straße und lasse Kolonnen passieren.
Trains in endloser Zahl. Dann folgen Truppen des IX. Korps. Ar-
tilleriebespannung furchtbar herabgekommen. Geschütze und Mu-
nitionswagen haben meist nur mehr vier Pferde. 26. Landwehr-
Infanterietruppendivision defiliert in der Gesamtstärke von fünf
Bataillonen. Aus jedem Regiment ein Bataillon formiert. Haltung
und Geist gut. Die Division hat zweifelsohne viel geleistet und große
Verluste erlitten. Deutschmeister Haltung ausgezeichnet. Der reinste
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918