Page - 406 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Ehe ich abreiste, Heß ich mir vom Chef der i\lilitärkanzlei die Zu-
sicherung geben, daß mein Rücktritt in manifester Form als ein
„zeitweiliger" bezeichnet und mit einer kaiserlichen Anerkennung
verbunden werde. Ich glaube, ich hätte damals, wie die Sachen lagen,
alles Erdenkliche verlangen können. Um den Preis, ruhig zu bleiben
und Wien für einige Zeit zu verlassen, hätten ,,sie" alles bewilligt.
Damals fürchteten sie mich. Vor allem fürchteten sie aber die Volks-
stimmung. Sie wußten eben noch nicht, daß sie es mit einer, euphe-
mistisch gesagt, Ivämmerherde zu tun hatten. Dies erkannten sie
erst viel später. Und so hielten sie jenen ungeschriebenen Pakt auch
ehrlich und prompt ein. Schon am 9. Oktober erschien ein Aller-
höchstes Handschreiben folgenden Inhaltes:
,, Lieber General der Infanterie Ritter von Auffenberg!
War es mir schon ein erfreulicher Anlaß, Ihnen für die sieg-
reiche Führung Meiner 4. Armee bei Zamosc und Komarow Meine
besondere Anerkennung zu bekunden, gedenke ich weiters gerne
Ihres sehr wirksamen Eingreifens in die Kämpfe von Rawa Ruska
Magierow, so ist es Mir sehr bedauerlich, daß Ihr Gesundheitszustand
Ihnen die Pflicht längerer Schonung auferlegt. Diesemnach versetze
Ich Sie unter Bekanntgabe Meiner Zufriedenheit in den überzähligen
Stand und behalte Ich Mir Ihre Wiederverwendung vor.
Wien, 9. Oktober 1914 Franz Josef.
So schwer es mir auch ankam, so gab ich mich dennoch für den
Moment zufrieden. Dann reiste ich auf Schloß Pichl, weiters für
etliche Wochen auf den Semmering. Bei herrlichem Herbstwetter,
in anregender Gesellschaft, war es trotz allem eine angenehme Zeit.
Am Semmering nahm ich die Mahlzeiten meist in Gesellschaft des
Grafen Lützow und des Herrn von Merey, beide ehemalige Bot-
schafter am italienischen Hofe, davon letzterer erst kurz vorher
Baron Macchio den Platz geräumt hatte. Beide Diplomaten mein-
ten, manwerdesichmitder Abtretung des Trentino früher oderspäter
doch befreunden müssen, wenn man auf eine dauernde Bundes-
genossenschaft rechnen wolle. Gegenteilige Anschauungen führten
zu lebhaftem Meinungsaustausch, der uns oft lange zusammenhielt.^)
^) Meine Ansicht von damals, doch auch späterhin, resümierte in dem Ge-
danken, daß eineLandabtretung aufGrund des Nationalitäten- und Sprachen-
prinzips ausgeschlossen war. Denn selbst eine einzige würde ein Präjudiz
bilden, das in folgerichtiger Weitergestaltimg den Staat in seineAtome zerlegen
müßte, wie ja dies schließlich auch geschehen ist. Doch ich war auch der wei-
teren Anschauimg, daß es speziell den Italienern in erster Linie weniger um
Landgewinn, sondern— wenn auch uneingestandenermaßen— um die mili-
tärische Gloire zu tun war. Seit fast 70 Jahren kämpften sie darum, aus dem
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918