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sive^) an der ganzen Front angetreten. Ich glaube aber, daß selbst
die Initiatoren dieser Operation sich von Anfang an keinen weit-
gehenden Hoffnungen hingegeben haben mochten. Wenn es zur Not
gelang, den unausgesetzt erfolgenden Durchbruchsversuchen der Rus-
sen standzuhalten, so waren deswegen noch durchaus nicht die Be-
dingungen für eine Offensive gegeben, zumal ja im Monat März in
der Karpathenfront noch voller Winter herrschte. Auch die paar
deutschen Divisionen, die dazugetreten waren, konnten trotz an-
erkannter Bravour einen Umschwung nicht herbeiführen.
Przemysl war in dem Momente verloren, als die Oktoberschlacht
daselbst abgebrochen war und—jene früher erwähnte—erste große
Umgruppierung stattgefunden hatte. Es ,,heißt", daß Conrad da-
mals die Festung freiwillig hatte räumen wollen, daran aber durch
höhere Willensmeinung verhindert worden war. Ich könnte ihm nur
recht geben, zumal ja Conrad vollkommen im Klaren gewesen sein
wird, daß die allgemeinen Chancen für eine Wiedergewinnung der
Sanlinie sowie des Beckens von Sambor innerhalb der nächsten drei
bis vier Monate höchst fraglich geworden waren. Auf längere Zeit
war aber die Festung nicht approvisioniert, sie mußte daher— wenn
nichtganz besondere Ereignisse eintraten—imMärz unbedingt fallen.
Przemysl hatte im Beginn des Krieges seine operative Rolle er-
füllt, doch auch ausgespielt. Es hatte dem Aufmarsch der Armeen
am San Stütze und Rückhalt gegeben, es hatte einen gewaltsamen
Angriff blutig abgewiesen, die Wiedergewinnimg der Sanlinie in der
ersten Oktoberhälfte wirksamst gefördert imd in der darauf ent-
brannten großen Schlacht gleichfalls werktätig mitgetan. Und hätte
sich nach Komarow und vor Rawa Ruska die Heeresleitung zu einer
indirekten Sanverteidigung entschlossen, so hätte sich der Einfluß
der Festung als Manövrierbrückenkopf in noch verstärktem Maße
geltend gemacht. Ein Mehr zu verlangen war unbillig und vor allem
taktisch und strategisch unrichtig, wenn man aus höheren operativen
Rücksichten bis fast in den Meridian von Krakau zurückschwenken
mußte oder wollte.
Keine Festung ist unbezwingbar, Sie muß fallen, wenn sie von
der Außenwelt definitiv abgeschnitten ist, und die mathematische
1) Diese Offensive wurde hier in Wien und wahrscheinlich auch anderwärts
wie ein offenes Geheimnis besprochen. Ich selbst hörte auf der RingstraiBe
zwei vornehm gekleidete Herren im Plauderton darüber sprechen und dabei
ganz zutreffend ,,8 Korps" als die für die Offensive bereitgestellte Kraft be-
zeichnen. Damals hieß es, daß diesbezügHche Enimtiationen von PersönHch-
keiten der obersten Leitimg an Unberufene gemacht wurden. Anders wäre
es auch schwer zu erklären. Irgendwelche Retorsionsmaßnahmen erfolgten
aber nicht.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918