Page - 424 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Formel für den Moment ihres Falles kann dann jeder Militärschüler
errechnen. Conrad war daher im Rechte, wenn er das Aufgeben
der Festung intendiert hatte. Gewiß, der moralische und politische
Effekt wäre ein ungünstiger gewesen, doch noch immer weniger un-
günstig, als es dann jener der Bezwingung der Festung war.
Sie fiel durch Hunger! Ob dies unausweichlich war, wird eine
objektive Geschichtsforschung zutage fördern, desgleichen die Mo-
tive für den wenig erfreulichen Umstand, daß bei Übergabe der
Festung über loo ooo Mann in Gefangenschaft gerieten!— darunter
allerdings etliche tausend Militärarbeiter und sonstige non-valeurs.
Die zehrten aber vorher an den Rationen mit, und es ergab sich das
Mißverhältnis, daß die die Festung direkt einschließende feindliche
Kraftgruppe nicht stärker war als die eingeschlossene. Somit war
von Anfang November an der Wert der Festung so gut wie Null.
Die Tränen, die aus den Augen des erzherzoglichen Oberkomman-
danten bei Erhalt der Nachricht vom Fall der Festung geflossen
sein sollen, wären daher schon in den ersten Novembertagen zu ver-
gießen gewesen— allerdings in beiden Fällen mit demselben sach-
lichen Effekt.
Die durch den Fall der Festung freigewordenen russischen Divi-
sionen wurden hauptsächlich zum Einbruch in die Duklasenke heran-
geführt. Doch hatte man Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten.
Und rechtzeitig herangeführte Verstärkungen, speziell einige deutsche
Divisionen, parierten auch diesen Stoß.
Auch war indessen die großartige Winterschlacht an den Masu-
rischen Seen geschlagen worden, in der Hindenburg die russische
IG. Armee total vernichtet hatte. Diese Schlacht fand—mit Recht—
allseits die größte Bewunderung, doch lag auch hierbei der strate-
gische Effekt mehr in der Negative. D. h. die Situation hätte sich
katastrophal gestaltet, wenn Hindenburg nicht gesiegt hätte. Einen
durchschlagenden, positiven, richtiger gesagt, operativen Erfolg aber
hatte auch dieser Sieg nicht erbracht. Und wie die Dinge damals
lagen, hätte er ihn auch nicht erbringen können. Es war gewisser-
maßen das organische Verhängnis der Mittelmächte, daß alle ihre
Siege die eigene Katastrophe wohl abwenden, doch die der Gegner
nicht erzwingen konnten. Ich habe diese Ansicht schon im Jänner
1916 in einem längeren Essay vertreten, der in einem Artikel der
,,Zeit" Aufnahme gefunden hat.—
So war es Mitte April geworden, als mir wieder ein Brief Kroba-
tins zugestellt wurde, in welchem er mir — sozusagen freundlich
lächelnd— mitteilte, daß jetzt der Zeitpunktgekommen wäre, meinen
Rücktritt ins Werk zu setzen. Und da mir mittlerweile souffliert
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918