Page - 446 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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mee, Dynastie, oberster Kriegsherr — darin vereinten sich meine
besten Gefühle und schufen eine Religion, die mich völlig fanatisch
beherrschte. Diese von Wahrheitstreue durchtränkten Blätter lassen
erkennen, wie diese religiöse Verehrung im Keime schon bestand,
wie sie sorgfältig gehegt und gepflegt mein ganzes Leben durchzog,
trotz so mancher Enttäuschung aufrecht blieb und mich meine
besten Kräfte auch dann einsetzen hieß, wenn es gegen mein per-
sönliches Interesse, oft auch gegen meine bessere Einsicht verstieß.
Und dafür, nach 44 Jahren unerschütterlicher Treue und völlig
fanatischer Hingabe, wurde mir nun solches zuteil!
Ist es da nicht natürlich, daß mich tiefste Erbitterung erfaßte?
Doch im steten Gedenken und Betrachten von Ursache und Wir-
kung wurde mir das eine klar, daß ich nicht der erste war, dem in
unserem armen, versunkenen Vaterlande solch herbes Weh wider-
fuhr. Ein roter Faden ist's, der sich da durch das System und durch
die Jahrhunderte zog. Kann es bloß ein Zufall sein, daß die drei
größten Dichter deutschen Stammes intuitiv gerade in dieser Rich-
tung die Motive zu ihren erschütternden tragischen Dichtungen ge-
holt? Stammt der berühmte Ausspruch: ,,Dank vom Haus Öster-
reich!" nicht aus tiefster Erkenntnis der Dinge und Menschen? Hatte
Goethe in ,,Egmont" nicht eine Heldengestalt gezeichnet, dem jene
eigenartig finstere Macht zum Verderben wurde, die von derselben
Quelle ausstrahlte, ganz gleich, ob ihre Verästelungen von Madrid,
Aachen, Augsburg oder Wien ausgingen? Und hatte nicht der bis
zur Selbstverleugnung loyale Grillparzer seine schweren patriotischen
Bekümmernisse um des alten Reiches Bestand in tiefst durchdachte
Gleichnisse gekleidet?
Und dabei waren die obersten Potenzen oft gar nicht die eigent-
lichen Schuldigen. Aber die zum düstern Sj^stem gewordene Neben-
regierung war's. Die Politik derAdjutanten, derSoutanenundDamen,
der Kamarilla überhaupt. Sie erhob nur jene auf den Schild, die aus
Schwäche oder Opportunismus, offen oder geheim, eines Sinnes mit
ihr waren. Sie kannte immer nur Persönliches, niemals Sachliches.
Darum verwünsche ich dieses System, nicht weil es mich persön-
lich ins Mark getroffen, sondern weil es namenloses Unglück über
Menschen und Völker des entschwundenen Vaterlandes gebracht hat!
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918