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zurückgehaltenen Divisionen hätten in den Karpathen möglicherweise
die Entscheidung gebracht. Die Situation stand ohnedies wiederholt
auf des MessersSchneide, und die durch die deutsche Südarmee ver-
stärkten österreichisch-ungarischen Korps erwiesen durch ihren hel-
denmütigen Widerstand der Monarchie und den Mittelmächten die
größten Dienste. Schwer verständlich bleiben hingegen die wieder-
holten eigenen Offensivversuche, die unter den obwaltenden Ver-
hältnissen kaum ein günstiges Resultat erhoffen, die eigenen Opfer
aber ins ungemessene steigern ließen. Ohne sonderlichen Nutzen
gingen da Menschenmassen verloren, die in den späteren Kriegs-
phasen von ausschlaggebender Bedeutung gewesen wären.
Trotz allem, die Eisenbarriere an den Karpathenkämmen hielt
durch, und wenn sie ab und zu auch bedenklich verbogen und ver-
beult wurde, zersprengt oder zerrissen konnte sie von den Russen
nicht werden.
Und jetzt trat für die Verbündeten das zweite große, ausschlag-
gebende Glücksmoment ein: die Russen hatten sich in ihren Muni-
tionsbeständen gründlich verausgabt. Mir sind die bezüglichen Ver-
hältnisse nur im allgemeinen bekannt, doch kann es keinem Zweifel
unterliegen, daß bei der ersten Ausrüstung die Russen weitaus stärker
dotiert waren als wir. Man kann annehmen, daß sie im Vergleiche
zu uns fast das vierfache Munitionsquantum im Bereich der Feld-
armee besaßen. Tatsächlich standen wir in den Eingangsschlachten
unter einem überwältigenden Eisenhagel, der schier unerschöpflich
schien. Dagegen trat bei unseren Batterien, namentlich bei den
schweren Feldhaubitzen, ziemlich bald Munitionsmangel ein, der je-
doch in der zweiten Hälfte des Monats September wieder behoben
werden konnte. Und in dem Maße, in dem sich bei uns die Verhält-
nisse besserten, verschlechterten sich jene in Rußland, zumal die
großen Zuschübe aus den Ententeländern erst in einem späteren
Zeitpunkte einsetzten. So geschah es, daß im Frühjahr 1915 bei den
Russen eine völlige Munitionsebbe eingetreten war, just damals, als
der große Gegenstoß der Verbündeten erfolgte, der mit der Durch-
bruchsschlacht bei Gorlice begann und sofort seinen Kulminations-
punkt erreichte.
Werimmer diese Idee gefaßtund zur Durchführung gebracht hatte,
sie war eine Meisterleistung sowohl vom operativen wie vom tak-
tischen Standpunkt aus. Natürlich gab's auch da Kritikaster, die
irgendeinem anderen Verfahren das Wort redeten, zu nörgeln und zu
bessern wußten ; doch dies ändert nicht, daß dieseOperation eine der
aUerbedeutendsten und folgereichsten des ganzen Krieges war und
einen Aufstieg der Mittelmächte bedeutete. Daß General Mackensen
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918