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daraus unschwer zu entnehmen war, daß ich nun willens sei, im
äußersten Falle den Rechtsweg zu betreten.
Zwei Tage darauf wurde mir, wie es im Begleitbrief hieß, das
,,zeitweilig zurückgezogene Handschreiben" ausgefolgt. Es war das
Originalgeschäftsstück, das mir am 23. April 1915 eingehändigt
worden war. Damit hatte ich die Genugtuung, meinen Rechtsstand-
punkt durchgesetzt zu haben.
Doch auch jetzt ging es ohne gesetzwidrige Nörgelei nicht ab. Man
wollte nämlich das Handschreiben nicht publizieren. Und der ver-
antwortliche Kriegsminister verständigte mich offiziell, daß laut
,,Weisung der Militärkanzlei" von der traditionellen und geschäfts-
ordnungsmäßigen Verlautbarung im Personal-Verordnungs-Blatt in
diesem Falle abgesehen, und nur jene militärischen Behörden, die es
wissen mußten, sowie mein Regiment, verständigt werden würden.
Eine Rechtsverletzung, gegen die in einer Gewaltzeit auf militäri-
schem Gebiete nicht anzukämpfen war. Doch als österreichischer
Staatsbürger wandte ich mich kurzerhand an den Ministerpräsidenten
Dr. von Koerber^), der auch sofort die amtliche Publikation in den
Amts- und anderen Zeitungen veranlaßte.
Doch blieb es auch weiter allen Blättern verboten, das Hand-
schreiben mit irgendeiner Verbrämung versehen der Öffentlichkeit
bekanntzugeben.
So war leider das S5'stem und der Geist, der seit Jahrhunderten
herrschte, nicht nur in solchen untergeordneten Fragen, sondern auch
in schwerwiegenden Staatsfragen!
Eine große Überraschung für die Völker der Mittelmächte hatte
der 6. November 1916 aufgespart. Es war die von den beiden Kaisern
ausgehende manifeste Erklärung der Wiederaufrichtung Polens als
selbständiges konstitutionellles Königreich bei gleichzeitiger voll-
ständiger Autonomisierung Galiziens.
Über diese Staatsaktion, die als der Auftakt zu einer austro-pol-
nischenLösung gedacht war, die aber dann in letzter Instanz zu einem
den Mittelmächten feindlich gegenüberstehenden Großpolen geführt
hat, soll hier nur gesagt werden, daß sie vom ersten Momente an die
schwersten Bedenken bei all denen auslöste, die einen unversehrten
Besitzstand des alten Reiches als das zu erstrebende Ziel des ganzen
^) Eines charakteristischen Momentes will ich hier Erwähnung tun. Herr
von Koerber, der meinen Ausfülirtmgen auf das aufmerksamste folgte, meinte,
als ich ihm das kaiserliche Handschreiben übergeben wollte, halb im Ernst,
halb im Scherz: ,,Bitte, Exzellenz— eine Abschrift, ja nicht das Original,
dennman ist imstande, es auch mir zu entwinden!" Es war ja lächelnd gesagt,
beweist aber doch, daß auch dieser hochstehende vmd vielerfahrene Staats-
mann jede Vergewaltigtmg für möglich hielt.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918