Page - 496 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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gern im. vorhinein jeden Rechtsanspruch auf die eroberten Provinzen
vorwegzunehmen— also ein Verhältnis herzustellen, als ob Ungarn
alle diese kaiserlichen Truppen in Miete genommen und mit diesen
Söldlingen seine Provinzen „befreit" hätte. Kurzweg eine Negation
des primären Eroberungsrechtes.
Das Willkürliche und Irrige dieser Anschauung möge durch ein
vergleichendes Beispiel dargestellt werden. Nehme man an, daß es
dem alten Österreich durch irgendeine besondere Schicksalsfügung
gelungen wäre, sich durch Waffengewalt wieder in den Besitz Schle-
siens zu setzen, würde es da jemandem eingefallen sein, von einer
,,Befreiung" zu sprechen? Gewiß nicht! Und die Großteile Ungarns
standen nicht kürzere Zeit unter der Herrschaft des Sultans, als
Schlesien dem preußischen Königreich angegliedert ist.
Nach der Vertreibung der Türken— 1687— wurden die gesetz-
lichen Erbansprüche des Hauses Habsburg auf die Krone Ungarns
zwar erweitert, doch die Bestrebungen dieses Hauses, eine engere
innerstaatliche Verbindung mit Ungarn herbeizuführen, also die Er-
oberungsrechte irgendwie geltend zu machen, forderten den Wider-
stand der Ungarn sofort heraus, der sich in den blutigen Kuruzzen-
kämpfen äußerte, welche erst mit dem Friedensschluß von Szatmar-
Nemety ihren Abschluß erreichten.
1721, respektive 1723 erfolgte dann die pragmatische Sanktion
Kaiser Karl VI. brachte diesem papierenen Dokument viele Opfer,
gab erworbeneRechte preis, und schließlich blieb es doch immer nur
ein papierenes Dokument. Wohl stützte sich der Aufbau der Habs-
burger Monarchie auch weiter auf dieses Staatsgrundsgesetz, doch
wie viele Auslegungen und Deutungen erfuhr es trotz seiner außer-
ordentlich sorgsamen Diktion! Besonders wenn als Gegenpart Ulysses
Ungarn partizipierte. Daraus erklärt es sich, daß seit dem Bestehen
dieses Paktes— der pragmatischen Sanktion— die innere Politik
in Schaukelbewegung auf und nieder ging. Die hervorragendste Per-
sönlichkeit im Habsburger Stamme, Maria Theresia, rief zwar durch
ihre Person das vielgerühmte, in seiner tatsächlichen Wirkung aber
weit überschätzte ,,Vitam et sanguinem consecramus" hervor. Zur
selben Zeit bestand aber nahezu der dritte Teil der preußischen Hu-
saren aus ungarischen Überläufern, deren Offiziere vielfach den Ma-
gnaten- oder Gentryfamilien angehörten. Immerhin war während der
Regierungszeit Maria Theresias ein Abflauen der national-chauvi-
nistischen Bewegung bemerkbar. Die Adelshäupter nahmen bei Hof
und im Staatswesen hohe Ämter ein und machten sich meist in Wien
ansässig. Andere lebten auf ihrenLatifundien, kleinenGöttern gleich,
in nahezu vollständiger Souveränität und fanden sich mit relativ ge-
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918