Page - 502 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Mit den Jahren entstand aber daraus die Unabhängigkeitspartei, die
sich zuerst in schüchterner, vielfach auch humoristischer Weise gel-
tend machte, dann jedoch den Regierungen sehr unbequem wurde,
im weiteren Verlauf solche auch stürzte und schließlich sich mit den
anderen Parteien sogar in die Regierungsgewalt teilte!
Im Anfange gab es aber nur eine große Regierungspartei, deren
Chef auch Ministerpräsident wurde, der einst in effigie gehenkte
Graf Julius Andrass}''! Seine Prinzipien blieben auch erhalten, als
er das Ministerium des Äußeren übernahm, und auch späterhin wirkte
er durch sein persönliches Ansehen, durch Wort und Schrift, für die
Einheitlichkeit und unversehrte Erhaltung der Armee,
Doch die nimmermüden chauvinistischen Bemühungen lebten wei-
ter und fanden in einem seiner Nachfolger, Koloman von Tisza,
einen ebenso begabten als erfolgreichen Vertreter. Die Kunst Tiszas
bestand zu gutem Teil darin, das Wesen der Gesetze bei Forterhalt
der äußeren Form zu verändern. Es erinnerte an die Gesteinsmeta-
morphose, wo Kristalle irgendeines Gesteines in andere Gesteins-
arten eingebettet, im Lauf der Jahrtausende wohl die ursprüngliche
Gestalt, Sexaeder, Dodekaeder usw. beibehalten, sich aber atom- und
molekülweise in die umgebende Gesteinsart umsetzen. Der erstaunte
Forscher wähnt anfänglich die Natur bei einem Wesensirrtum zu er-
tappen, bis er erkennt, daß bei Beibehalt der äußeren Form das
Wesen sich geändert hat. So metamorphisierte auch Tisza während
seiner 15jährigen Amtsführung den Ausgleich. Und ging es zu lang-
sam, so ließ er sich ab und zu von derOpposition einwenigvergewal-
tigen und tat, als müßte er einer vis major folgen. Nur einmal wollte
es ihm absolut nicht glücken, mit der Opposition fertig zu werden,
ohne ihren Willen zu tun. Da sezessionierte der Präsident des Ab-
geordnetenhauses, Graf Apponyi, und nicht lange darauf mußte
Tisza das so lange und glücklich verteidigte Regierungspräsidium
an den Grafen Szapary abtreten.
Szapar}'-, seinem Vorgänger an Kapazität nicht gleichwertig, ver-
suchte die Verstaatlichung der Komitate durchzuführen, was ihm
nur im geringen Maße gelang. Als es dann zu kirchenpolitischen Re-
formen (Einführung der Zivilehe) kommen sollte, trat er zurück, da
er mit dieser liberalen Auffassung nicht sympathisierte.
Es folgte das erste Ministerium Wekerle. Dieser Ministerpräsi-
dent war einer der bedeutendsten neuzeitlichen Persönlichkeiten Un-
garns, namentlich in finanzpolitischer Beziehung— allerdings nicht
verläßlich, was ihm während seiner zweiten Regierung das persön-
liche Vertrauen der Krone für immer entzog. In seiner ersten Amts-
zeit setzte er nach schweren Kämpfen mit dem Magnatenhaus und
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918