Page - 511 - in Aus Österreichs Höhe und Niedergang - Eine Lebensschilderung
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Uhr geregelt war. Durch all diese Momente gefördert, vielmehr ge-
zeugt entwickelte sich in den Jahrzehnten und Jahrhunderten jene
eigenartige Mentalität und Ideologie, die ein festes und bis an das
letzte traurige Ende schier unzerreißbares Band um alle ihre Mit-
glieder schlang und auch solche bald in ihren Bann zwang, die der
Armee berufsgemäß gar nicht angehörten.
Viele und große Unglücksfälle mußte dieArmee bestehen, bestand
aber auch alle ehrenhaft, und nie konnte sie— auf dem Schlacht-
felde— durch eine Katastrophe vernichtet werden. Dem Antäus
gleich, erhob sie sich nachjedem Niederbruche wieder zu neuer Kraft.
Doch diese zog sie nicht aus der Mutter Erde, die ihr ja diese oft gar
nicht reichen wollte, sondern sie empfing sie nur durch den waltenden
Geist jener Ideologie, die erst dann ihre zeugende Kraft verlor, als
alle Faktoren des Staatwesens, die Führenden und die Geführten, der
eigenen Armee den Rücken kehrten und ihr den Boden entzogen.
Und wie ungenügend, zögernd und widerwillig gestalteten sich auch
die materiellen und technischen Vorsorgen für die Armee.
Wenn andere Staaten resp. deren Tribunen für die staatlicheWehr
mit vollen Händen gaben, konnten die Minister des österreichisch-
ungarischen Heeres nur mühsam die nötigsten Brocken zur Fort-
fristung dermateriellenundtechnischenExistenzdenanderen Ressort-
ministern und Volksvertretungen völlig entwinden.
,,Einen gellenden Verzweiflungsruf" nennt der bekannte politisch-
historische Schriftsteller Bernhard Molden dieInaugurationsrede eines
Kriegsministers im Winter 1911. Doch auch dieser gellende Ruf und
die drohende Konstellation, die sich damals am politischen Horizont
jedem wies, der sehen wollte, konnte das Tempo der Ausgestaltung
nur im unzulänglichen Maße steigern. Und als man nicht lange
danach wie' auf allen Gebieten, zo auch hier, wieder in den boden-
ständigen Opportunismus einlenkte und die beliebte byzantinische
Schönfärberei weiter walten ließ, resultiertedarausmitzwingenderLo-
gik dieKonsequenz, daß imverhängnisvollenMomentekeinederkonti-
nentalen Armeen weniger kriegsbereit war, als das österreichisch-
ungarische Heer. Wenn man dies nicht gewußt hat, so hat man es
nicht wissen wollen, die Feinde aber haben dies sehr wohl gekannt.
Allerdings erlebten auch sie eine ungeheuere Überraschung. Wohl
war die Ausrüstung und teilweise die Bewaffnung der Armee rück-
ständig, doch lebendig und vollkräftig war des alten Heeres Ideologie.
Und wie der aus dem Schlummer geweckte, angegriffene Löwe sich
erhebt, so raffte sich auf, bis zum letzten Tambour hinunter, zu
seinem letzten Kampf, des wankenden Reiches beste Institution, sein
Heer.
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Aus Österreichs Höhe und Niedergang
Eine Lebensschilderung
- Title
- Aus Österreichs Höhe und Niedergang
- Subtitle
- Eine Lebensschilderung
- Author
- Auffenberg von Komarów
- Publisher
- Drei Masken Verlag München
- Location
- München
- Date
- 1921
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.4 x 21.6 cm
- Pages
- 536
- Categories
- Geschichte Nach 1918