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408 Sibylle Wentker
IX.
Adolf Grohmann lebte ein langes, fleißiges Gelehrtenleben, das einige Zäsuren aufweist.
Geboren in die Spätphase der Habsburgermonarchie, erlebte er die erste große europäi-
sche Katastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, in der relativen Absicherung
einer Stelle an der Hofbibliothek, die nach der Gründung der Österreichischen Republik
zur Nationalbibliothek wurde. Trotz der schwierigen Nachkriegssituation durfte Groh-
mann damit rechnen, das wissenschaftliche Erbe seines Lehrers Karabaček antreten zu
dürfen. Seine Berufung an die Deutsche Universität in Prag machte diesen Warteprozess
unnötig. In Prag forschte und lehrte Grohmann unbehelligt und unangefochten durch 25
Jahre. Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete nun eine Katastrophe für Grohmann.
Als Deutscher und Nationalsozialist verließ er Böhmen, wo er nahezu sein halbes Leben
verbracht hatte, und bekam in der Folge keine feste Anstellung an einer Universität, auch
wenn er bis zu seinem 75. Lebensjahr in Innsbruck und in Kairo lehrte. Mit dem Verlust
seines Sohnes Erwin in den letzten Kriegsmonaten bezahlte Grohmann selbst einen hohen
persönlichen Preis. Seine politische Weltanschauung lässt sich nicht genau bestimmen,
sein Hang zu politischem Opportunismus und die Wendigkeit, sich den jeweiligen politi-
schen Situationen anzupassen, werden aus seinen Schreiben sichtbar149. Grohmanns poli-
tische Ansichten sowie seine Haltung zum Nationalsozialismus sind durch eigene Aussa-
gen nicht belegt. Allerdings lässt seine offenbar willige Bereitschaft, sich an Requisitionen
jüdischen Eigentums der Kultusgemeinden in Prag und Mährisch-Ostrau darauf schlie-
ßen, dass er die Verhältnisse eher schätzte als ablehnte, sie jedenfalls für „sein“ Institut zu
nutzen wusste. Von einem passiven Rückzug Grohmanns während des NS-Regimes kann
nach allem keine Rede sein, sondern von einem Ausnutzen gebotener oder erstrittener
Handlungsspielräume150. Nach dem Zweiten Weltkrieg hüllte sich Grohmann jedenfalls,
wie so viele andere, in Schweigen über seine eigene Vergangenheit. Diese Widersprüch-
lichkeiten bleiben jedoch nicht nur bei Grohmann selbst zurück. Es scheint rückblickend
149 Ellinger macht hier spürbar seinem Ärger Luft, wenn er Grohmanns Bemühungen, seine Forschungsmate-
rialien nach dem Krieg zu retten, mit seinem Verhalten während des Krieges gegenüberstellt : „Es gehört zu
den besonderen Perversionen eines Vertreters des geisteswissenschaftlichen Rationalismus, daß er, der zuvor
noch ohne Skrupel einen Menschen [gemeint ist Hedwig Klein] dem nationalsozialistischen Prestige geopfert
hatte, nichts anderes im Sinn hatte, als sein Forschungsmaterial in Sicherheit zu bringen.“ Ellinger, Orien-
talistik (wie Anm. 6) 73.
150 Das Beispiel Grohmanns widerlegt durchaus, zusammen mit vielen anderen, die oben zitierte Aussage Mo-
nika Glettlers, wonach es an der Deutschen Universität in Prag „kaum überzeugte Kollaborationen“ mit
dem Regime gegeben hätte, vgl. zusätlich auch die relevanten biografischen Porträts in : Prager Professoren
1938–1948 (wie Anm. 8) ; Österreichische Historiker 1900–1945 (wie Anm. 1) ; Karel Hruza, „Wissen-
schaftliches Rüstzeug für aktuelle politische Fragen.“ Kritische Anmerkungen zu Werk und Wirken der His-
toriker Wilhelm Weizsäcker und Wilhelm Wostry, in : ZfO 54 (2005) 475–526.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien