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Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Seite - 408 -
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Seite - 408 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2

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408 Sibylle Wentker IX. Adolf Grohmann lebte ein langes, fleißiges Gelehrtenleben, das einige Zäsuren aufweist. Geboren in die Spätphase der Habsburgermonarchie, erlebte er die erste große europäi- sche Katastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, in der relativen Absicherung einer Stelle an der Hofbibliothek, die nach der Gründung der Österreichischen Republik zur Nationalbibliothek wurde. Trotz der schwierigen Nachkriegssituation durfte Groh- mann damit rechnen, das wissenschaftliche Erbe seines Lehrers Karabaček antreten zu dürfen. Seine Berufung an die Deutsche Universität in Prag machte diesen Warteprozess unnötig. In Prag forschte und lehrte Grohmann unbehelligt und unangefochten durch 25 Jahre. Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete nun eine Katastrophe für Grohmann. Als Deutscher und Nationalsozialist verließ er Böhmen, wo er nahezu sein halbes Leben verbracht hatte, und bekam in der Folge keine feste Anstellung an einer Universität, auch wenn er bis zu seinem 75. Lebensjahr in Innsbruck und in Kairo lehrte. Mit dem Verlust seines Sohnes Erwin in den letzten Kriegsmonaten bezahlte Grohmann selbst einen hohen persönlichen Preis. Seine politische Weltanschauung lässt sich nicht genau bestimmen, sein Hang zu politischem Opportunismus und die Wendigkeit, sich den jeweiligen politi- schen Situationen anzupassen, werden aus seinen Schreiben sichtbar149. Grohmanns poli- tische Ansichten sowie seine Haltung zum Nationalsozialismus sind durch eigene Aussa- gen nicht belegt. Allerdings lässt seine offenbar willige Bereitschaft, sich an Requisitionen jüdischen Eigentums der Kultusgemeinden in Prag und Mährisch-Ostrau darauf schlie- ßen, dass er die Verhältnisse eher schätzte als ablehnte, sie jedenfalls für „sein“ Institut zu nutzen wusste. Von einem passiven Rückzug Grohmanns während des NS-Regimes kann nach allem keine Rede sein, sondern von einem Ausnutzen gebotener oder erstrittener Handlungsspielräume150. Nach dem Zweiten Weltkrieg hüllte sich Grohmann jedenfalls, wie so viele andere, in Schweigen über seine eigene Vergangenheit. Diese Widersprüch- lichkeiten bleiben jedoch nicht nur bei Grohmann selbst zurück. Es scheint rückblickend 149 Ellinger macht hier spürbar seinem Ärger Luft, wenn er Grohmanns Bemühungen, seine Forschungsmate- rialien nach dem Krieg zu retten, mit seinem Verhalten während des Krieges gegenüberstellt : „Es gehört zu den besonderen Perversionen eines Vertreters des geisteswissenschaftlichen Rationalismus, daß er, der zuvor noch ohne Skrupel einen Menschen [gemeint ist Hedwig Klein] dem nationalsozialistischen Prestige geopfert hatte, nichts anderes im Sinn hatte, als sein Forschungsmaterial in Sicherheit zu bringen.“ Ellinger, Orien- talistik (wie Anm. 6) 73. 150 Das Beispiel Grohmanns widerlegt durchaus, zusammen mit vielen anderen, die oben zitierte Aussage Mo- nika Glettlers, wonach es an der Deutschen Universität in Prag „kaum überzeugte Kollaborationen“ mit dem Regime gegeben hätte, vgl. zusätlich auch die relevanten biografischen Porträts in : Prager Professoren 1938–1948 (wie Anm. 8) ; Österreichische Historiker 1900–1945 (wie Anm. 1) ; Karel Hruza, „Wissen- schaftliches Rüstzeug für aktuelle politische Fragen.“ Kritische Anmerkungen zu Werk und Wirken der His- toriker Wilhelm Weizsäcker und Wilhelm Wostry, in : ZfO 54 (2005) 475–526.
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Österreichische Historiker Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Österreichische Historiker
Untertitel
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
Band
2
Autor
Karel Hruza
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78764-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
678
Schlagwörter
Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
Kategorie
Biographien
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