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Karl Maria Swoboda (1889–1977) 425
terscheidet“, hieß es in der Einleitung zu „Idealismus und Naturalismus in der Gotik“.
Unter Anspielung auf Worringers „Formprobleme der Gotik“ lautete Dvořáks abschlie-
ßendes Urteil : „So blendend Worringers Beweis auf den ersten Blick erscheinen mag, so
verwandelt sich doch bei näherer Betrachtung sein Ausgangspunkt, eine a priori existie-
rende, der Wirklichkeit und daher auch jedem Naturalismus feindlich gegenüberstehende
‚gotische‘ Konzentration der Kunst der neuen Völker auf Momente der übersinnlichen
Ausdruckssteigerung in eine willkürliche Konstruktion, die […] dem komplizierten his-
torischen Sachverhalte gegenüber noch phantastischer ist als die abstrakten Stilbegriffe
der Romantiker“.65 Die mit Dvořáks Namen unlösbar verbundene „Geistesgeschichte“
konnte kaum ernsthaft um unhistorische Dimensionen erweitert werden. Swobodas
Zielrichtung bediente vielmehr mit der örtlichen, geografischen und volksspezifischen
Dimension die Interessen der Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften und darüber
hinaus des Deutschen Reiches. Im Dienst dieser Interessen wurde ebenfalls das neue „The-
oriensystem“ entworfen : „In diesem Bezirk neuer wissenschaftlicher Planung wird aber
eine entsprechende Rücksichtnahme auf die neuen Methoden und die Theorien der in
Frage kommenden Nachbarschaftswissenschaften, das ist vor allem die Geschichte, die
Philologie, die Altertumskunde, aber auch die Völkerkunde, Prähistorie und Anthropolo-
gie, notwendig sein“66. Die methodische Modernisierung sollte ebenfalls die angewandte
Kunstgeschichte neu strukturieren : „Wäre es nicht richtig, Tabellen der als besonders
hochwertig erkannten Kunstwerke systematisch anzulegen und für die Erhaltung dieser
Kunstwerke, und zwar nicht nur im materiellen Sinn, sondern auch für die Erhaltung
der von diesen Kunstwerken ursprünglich intendierten Wirkungsabsicht, der erkannten
großen Qualität entsprechend zu sorgen ? Oder : Wäre es nicht zweckmäßig, Institute zu
schaffen, in denen die technischen Möglichkeiten für die Erhaltung, aber auch für die
Reproduktion der Kunstwerke zu Forschungs- und Bildungszwecken kontrolliert würden,
um sie auf einen, den technischen Fortschritten entsprechenden, möglichst hohen Ni-
veau zu erhalten ?“67. Solche „Planung und Ordnung“, „Steigerung des Bewußtseins vom
Ganzen, vom Organismus der Wissenschaft, seinen hauptsächlichen Wachstums- und
65 Dvořák, Kunstgeschichte (wie Anm. 10) 47, vgl. Wilhelm Worringer, Formprobleme der Gotik (Mün-
chen 1911). Dvořáks Aufsatz „Idealismus und Naturalismus“ war gemäß Magdalena Bushart, Der Geist der
Gotik und die expressionistische Kunst. Kunstgeschichte und Kunsttheorie 1911–1925 (München 1990) 20,
als Gegenentwurf zu Worringers „Formproblemen“ konzipiert. Dvořáks Opposition zum nationalen Kunst-
verständnis wird von Michaela Marek, Kunstgeschichte zwischen Wissenschaft und Dienst am Staat, in :
Grenzen überwindend. FS für Adam S. Labuda, hg. v. Katja Bernhardt, Piotr Piotrowski (Berlin 2006)
79–97, hier 89, in Zusammenhang mit der Unabhängigkeit der Wiener Wissenschaftler von nationalen Rück-
sichten gebracht.
66 Swoboda, Neue Aufgaben (wie Anm. 13) 22.
67 Ebd.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien