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470 Johannes Holeschofsky
aber nicht Hantsch wie Srbik zu einem „Gesamtdeutschtum“, und hob er nicht wie dieser
die Leistungen der Habsburger für das „gesamte Deutschtum“ hervor ?
Bei einer frappierenden Ähnlichkeit des Vokabulars ergeben sich doch unterschiedliche
interpretative Kontexte. So schrieb Hantsch über die Entscheidungsschlacht am Kah-
lenberg 1683 : „Es war ein christlich abendländisches und vor allem deutsches Ereignis.
Aus allen deutschen Gauen strömten Kontingente und freiwillige Kämpfer herbei.“112
Hantsch sah hier einen seltenen Erfolg des Kaisers in seiner tradierten Rolle als Schirm-
herr des Alten Reiches, dessen Appell für ein letztes Aufflammen des christlich-abendlän-
dischen Gemeinschaftsgefühls gesorgt habe, das gleichzeitig auch ein gesamtdeutsches
gewesen sei. Im Übrigen war die vorwiegende Zusammensetzung des Reichsheeres aus
Kaiserlichen und Reichskontingenten eine Tatsache. Srbik schrieb dagegen, „Männer aller
deutschen Stämme, Katholiken und Protestanten […] kämpften unter der Lehens- und
Blutfahne des deutschen Königs“ ; und später : „[…] wenn die Preußen auch nicht da-
bei waren, so doch später in Ofen“113. Die Überwindung des konfessionellen Konfliktes
als Aufbau eines österreichisch-preußischen Einverständnisses, das machtpolitisch eine
unvermeidliche Vorstufe der „deutschen Einheit“ war – dieser wichtige zusätzliche Ge-
dankenansatz unterscheidet Srbik und Hantsch selbst bei einer sonst so scheinbar täu-
schenden Ähnlichkeit der Begrifflichkeit. Der Hinweis auf das „gesamte Deutschtum“
findet sich innerhalb der damaligen Geschichtswissenschaft eben nicht nur bei Srbik und
Steinacker, sondern taucht etwa auch bei Dengel auf, der im Rahmen der Kontroverse um
Raimund Friedrich Kaindls Ansichten in polemischer Frontstellung gegen Srbik unter
anderem eine „gesamtchristliche“ als „gesamtdeutsche“ Geschichtsauffassung forderte114.
Die Ähnlichkeit ist hier ausschließlich eine des Vokabulars !
In der HZ kritisierte Hans Haußherr 1937 einige Fehler in Hantschs Buch und
meinte, derartige Schlampereien würden das Urteil „in die Zuverlässigkeit des Verfassers“
doch „bedenklich erschüttern“115. Man müsse sich aber vor Augen halten, dass Hantsch
Pionierarbeit zu leisten gehabt habe. „Es gibt noch keine bedeutende Geschichte des
Habsburgerstaates“(!). Dann aber rühmte Haußherr die im Ganzen doch ohne weitere
gröbere Schnitzer erfolgte Arbeit des österreichischen Gelehrten, deren Vorzüge sich vor
allem bei der Schilderung des Zeitalters Josefs I. und Karls VI. erwiesen hätten. Insge-
samt aber meinte der deutsche Historiker, es sei beklagenswert, dass österreichische und
112 Hantsch, Entwicklung (wie Anm. 95) 75.
113 Srbik, Deutsche Einheit (wie Anm. 96) 72.
114 Martin Fritz Knorr, Raimund Friedrich Kaindl und die Wiener Schule (Diplomarbeit Wien 1998) 97–
101 ; Alexander Pinwinkler, Raimund Friedrich Kaindl (1866–1930). Geschichte und Volkskunde im
Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik, in : Österreichische Historiker (wie Anm. 33) 125–154,
hier 140–146.
115 Hans Haussherr, Rezension von : Hantsch, Entwicklung (wie Anm. 97), in : HZ 155 (1937) 592–594.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien