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500 Wolfram Ziegler
ohne Beachtung des historischen Kontextes nach ihrer Rolle, genauer ihrer „Leistung“
für die „deutsche Geschichte“ zu bewerten, als negative Figur skizziert46. Dies fußte nicht
zuletzt auf dem sogenannten „Blutbad von Verden“, bei welchem Karl diejenigen Sach-
sen, die das Christentum ablehnten, hinrichten ließ. Man sprach daher voller Emotion
vom „Sachsenschlächter“ Karl47. Klebel kam allerdings, seiner Themenstellung gemäß,
aufgrund institutionengeschichtlicher Überlegungen zu seinem vernichtenden Urteil über
Karl und nicht wegen dessen Vorgangsweise bei der Missionierung der Sachsen. Zudem
hatte der Heidelberger Mediävist Karl Hampe, der wenige Tage nach Hitlers Machtantritt
emeritierte, heftig gegen Rosenbergs Verdikt argumentiert und polemisiert. Hampe setzte
sich durch, nicht ohne zu betonen, dass „nur Karls imperiale Politik den Zusammenschluss
der Stämme […] und damit die nationale Geschichte der Deutschen begründet“ hätte48.
Die Position Rosenbergs war zu dem Zeitpunkt, als Klebel den oben erwähnten Beitrag
schrieb (1938), also wohl kein zentraler Bestandteil der seitens des NS-Regimes erwünsch-
ten Betrachtung des frühen Mittelalters mehr. Im selben Jahr legte Klebel jedenfalls ein
klares Bekenntnis zu einer als deutsche Volksgeschichte zu betreibenden Landesgeschichte
ab : „Die Geschichte des Reiches vom Ausgang der Karolingerzeit bis zur Reformation,
ja bis über den Dreißigjährigen Krieg, wird also falsch beurteilt, wenn man sie nur als
Kaisergeschichte sieht. So große Leistungen wie die Besiedlung des Deutschen Südostens
oder der Ausbau der Hanse sind nicht vom Reich, auch nicht von den Herzogtümern
der Einzelstämme, sondern zumeist von den kleinen Zellen, den Grundherrschaften und
Stadtgemeinden geschaffen worden. […] Es gibt nur einen wirklichen Gegenstand der
Geschichte, die Geschichte des Gesamtvolkes, des Deutschen Volkes, seines Werdens von
der Germanenzeit her über die zahlreichen Völkerschaften zu den fünf großen Stämmen
und von den Stämmen über das Einigungswerk Karls des Großen zur Deutschen Nation
[…].“49 Im Hinblick auf den Sprachgebrauch der Studien Klebels, finden sich neben der
oben zitierten Erwähnung des „gesunden Volksempfindens“ kaum eindeutige weitere zeit-
typische Wendungen50. Die Slawen hätten aber, so Klebel, in Kärnten eine gründliche
„Vernichtungsarbeit“ geleistet, während sich zuvor „langobardische Einrichtungen und
46 Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe
unserer Zeit (München 1933) 186.
47 Ernst Schubert, Art, „Verden, Blutbad v.“, in : Lexikon des Mittelalters 8 (München 1997) Sp. 1500f. ; Wil-
fried Hartmann, Kaiser Karl der Große, in : Die Kaiser. 1200 Jahre europäische Geschichte, hg. v. Gerhard
Hartmann, Karl Schnith (Wiesbaden 2006) 14–41, hier 29.
48 Folker Reichert, Gelehrtes Leben. Karl Hampe, das Mittelalter und die Geschichte der Deutschen (Schrif-
tenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 79, München 2009)
266f.
49 Ernst Klebel, Reichsgeschichte und Landesgeschichte (Sonderdruck aus „Unsere Heimat“, Monatsblatt des
Vereines für Landeskunde und Heimatbuch von Niederösterreich und Wien 3/4, Wien 1938) 1–4, hier 1f.
50 Siehe Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus (Berlin/New York 1998).
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien