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604 Michael Wedekind
kierte ein solcher Sinnbezug die Unzugehörigkeit des „Raumfremden“, appellierte an
dessen Exklusion und somit an den Umbau ethnischer Strukturen. Dieses Element völ-
kischen Ordnungsdenkens, versetzt mit zivilisationskritischen Vorstellungen, blieb auch
nach 1945 zentraler und nicht selten mit Schärfe vorgetragener Bestandteil in Huters
volksgeschichtlichem Diskurszusammenhang46.
Seine bevölkerungshistorischen Studien kennzeichneten sich indes zugleich durch ein
„volksbiologisches“ Interesse. Die Geschichtswissenschaft sah Huter etwa berufen, den
Bevölkerungsschwund in alpinen Höhensiedlungslagen (zunächst in Nordtirol) siedlungs-
historisch umfassend zu analysieren und sich der Politik mit planerischen Grundlagen als
Ressource für agrarökonomische, agrarsoziologische und rassisch-bevölkerungspolitische
Interventionen zur Verfügung zu stellen : „Die Wiederbesiedlung dieser Höhen, denen
so viel urkräftiges Volkstum entwuchs“, merkte Huter 1939 mit Blick auf das „Bergbau-
erntum“, einem bei ihm durchaus auch rasseideologisch aufgefüllten Topos, an, würde
„unserem Volke zweifellos wertvollste Menschen gewinnen“47.
Die von Huter gelieferten historiografischen Ordnungskonzeptionen sozialer und geo-
grafischer Räume schienen mit der deutschen Okkupation Italiens und der Einrichtung
der annexionsorientierten nationalsozialistischen Sonderverwaltung in der Operationszone
Alpenvorland, zu der Südtirol mit den Nachbarprovinzen Trient und Belluno zusammen-
geschlossen wurde, ihren Realisierungskontext zu finden. An den Sturz des Faschismus
und den bündnispolitischen Umbruch in Italien im Sommer 1943 knüpften sich im volks-
tumswissenschaftlichen und volkstumspolitischen Milieu Tirols durchaus expansions- und
aggressive bevölkerungspolitische Konzepte, in deren Dienst sich auch Huter vom Stand-
punkt „völkischen“ Ordnungsdenkens stellte. Hiermit verbanden sich zudem Vorstellungen
von Revanche gegenüber den italienischen Fachkollegen und den Exponenten faschistischer
Ethnopolitik. Gleichwohl musste Huter in den folgenden Monaten mit Ungeduld und Ent-
täuschung gewärtigen, dass die Annexion Südtirols seitens der politischen Führung offiziell
nicht vollzogen wurde48.
46 Siehe Franz Huter, Geburtstagsansprache, gehalten am 22. Mai 1946 bei der Feier der Schüler [Hermann
Wopfners] im Rahmen der Universität, in : Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde Tirols. FS zu Ehren
Hermann Wopfners 1 (Schlern-Schriften 52, Innsbruck 1947) 7–11, hier 11 ; siehe in diesem Zusammenhang
auch Alexander Pinwinkler, „Grenze“ als soziales Konzept : Historisch-demographische Konstrukte des
„Eigenen“ und des „Fremden“, in : Volks-(An)Ordnung : Einschließen, ausschließen, einteilen, aufteilen !, hg.
v. Petra Overath, Daniel Schmidt (Leipzig 2003) 31–48.
47 Huter, Besiedlung (wie Anm. 37) 197.
48 Am 22.03.1944 schrieb Huter aus Bozen an Sievers, es seien ihm jüngst die schlimmen und die schönen Tage
des Einsatzes gegen unseren italienischen ‚Freund‘ wieder recht zum Bewusstsein gekommen. Hoffen und glauben
wir, dass die Drahtzieher der wahnsinnigen Entdeutschungspolitik die endgültige politische Entscheidung über Süd-
tirol im deutschen Sinne bald erleben. BAB (wie Anm. 27). – Drei Tage später merkte Huter an : […] während
auf militärischem Gebiete die durch den Zusammenbruch Italiens geschaffene Lage im Alpengrenzraum rasch und
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien