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Dagmar Gramshammer-Hohl
Aleida Assmann entwickelt das Konzept des dialogischen Erinnerns, mit Hilfe
dessen die Basis für eine Überwindung des Trennenden und die wechselsei-
tige Anerkennung des Leidens der anderen geschaffen werden soll – jedoch
unter Berücksichtigung der Unvergleichbarkeit der Leidens
erfahrungen. Dieses
Konzept stellt eine Interpretationsmatrix bereit, die, wie gezeigt werden soll, auf
alle drei hier behandelten Texte anwendbar ist. Der wesentliche Unterschied ist,
dass Assmann sich auf dialogisches Erinnern von sich über ihren Opferstatus
definierenden Kollektiven bezieht, während Kunderas, Hemons und Prcićs Texte
individuelles Erinnern, persönliche Leidenserfahrungen und Traumata und
deren Bedeutung für personale Identitätsbildungsprozesse verhandeln. Es lohnt
jedoch den Versuch, Assmanns Konzept von der kollektiven auf die individuelle
Ebene zu übertragen. Paul Ricœurs Überlegungen zur wechselseitigen Anerken-
nung (reconnaissance mutuelle) werden dabei hilfreich sein.
3 Das Leiden der Emigrierten
Worin besteht das Leiden der Emigrierten? Worauf gründet sich deren (Selbst-)
Viktimisierung im Allgemeinen und speziell in den hier untersuchten Texten?
Die Emigrierten leiden vor allem an dem sie überwältigenden Gefühl, etwas
Wesentliches verloren zu haben: ihre „Heimat“, wobei dieser Begriff sehr vieles
konnotiert und emotional stark aufgeladen ist (Hornstein Tomić et al. 2018,
27). „Heimat“ wird durch ihren Verlust erst fassbar. Der Begriff bezeichnet ein
Gefühl der Zugehörigkeit, des Aufgehobenseins, der Selbstverständlichkeit im
Umgang mit anderen und sich selbst, der Übereinstimmung mit der Umgebung
– einen Zustand der „Resonanz“, um Joanna Pfaff-Czarnecka zu zitieren (2012,
36). Man wird sich dieser Selbstverständlichkeit erst bewusst, wenn ebendiese
Selbstverständlichkeit bedroht oder verloren ist; erst dann wird sie explizit
(Pfaff-Czarnecka 2012, 19–21). Hemons und Prcićs Protagonisten sind Emigran-
ten, die durch den Verlust ihres „Resonanzraums“ nicht nur die – etwa sprach-
liche oder das Verhalten betreffende – Selbstverständlichkeit im Umgang mit
anderen verloren haben, sondern auch jegliche Selbstsicherheit. Dies zeigt
sich besonders eindrücklich darin, dass der eigene Körper als fremd wahrge-
nommen wird, nicht mehr mit der Vorstellung vom eigenen Ich in Einklang
gebracht werden kann: Prcićs Ich-Erzähler Izzy etwa hat den Eindruck, er gehe
auf Beinen, die nicht ihm gehörten, und sehe seine Hand zum ersten Mal in
seinem Leben (2011, 15–16, 20–21). Hemons Protagonist Jozef Pronek wiederum
spürt seine Fremdheit und Selbstentfremdung in einer massiven Verunsiche-
rung seiner sexuellen Identität.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher