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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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172    Dagmar Gramshammer-Hohl Aleida Assmann entwickelt das Konzept des dialogischen Erinnerns, mit Hilfe dessen die Basis für eine Überwindung des Trennenden und die wechselsei- tige Anerkennung des Leidens der anderen geschaffen werden soll – jedoch unter Berücksichtigung der Unvergleichbarkeit der Leidens erfahrungen. Dieses Konzept stellt eine Interpretationsmatrix bereit, die, wie gezeigt werden soll, auf alle drei hier behandelten Texte anwendbar ist. Der wesentliche Unterschied ist, dass Assmann sich auf dialogisches Erinnern von sich über ihren Opferstatus definierenden Kollektiven bezieht, während Kunderas, Hemons und Prcićs Texte individuelles Erinnern, persönliche Leidenserfahrungen und Traumata und deren Bedeutung für personale Identitätsbildungsprozesse verhandeln. Es lohnt jedoch den Versuch, Assmanns Konzept von der kollektiven auf die individuelle Ebene zu übertragen. Paul Ricœurs Überlegungen zur wechselseitigen Anerken- nung (reconnaissance mutuelle) werden dabei hilfreich sein. 3 Das Leiden der Emigrierten Worin besteht das Leiden der Emigrierten? Worauf gründet sich deren (Selbst-) Viktimisierung im Allgemeinen und speziell in den hier untersuchten Texten? Die Emigrierten leiden vor allem an dem sie überwältigenden Gefühl, etwas Wesentliches verloren zu haben: ihre „Heimat“, wobei dieser Begriff sehr vieles konnotiert und emotional stark aufgeladen ist (Hornstein Tomić et al. 2018, 27). „Heimat“ wird durch ihren Verlust erst fassbar. Der Begriff bezeichnet ein Gefühl der Zugehörigkeit, des Aufgehobenseins, der Selbstverständlichkeit im Umgang mit anderen und sich selbst, der Übereinstimmung mit der Umgebung – einen Zustand der „Resonanz“, um Joanna Pfaff-Czarnecka zu zitieren (2012, 36). Man wird sich dieser Selbstverständlichkeit erst bewusst, wenn ebendiese Selbstverständlichkeit bedroht oder verloren ist; erst dann wird sie explizit (Pfaff-Czarnecka 2012, 19–21). Hemons und Prcićs Protagonisten sind Emigran- ten, die durch den Verlust ihres „Resonanzraums“ nicht nur die – etwa sprach- liche oder das Verhalten betreffende – Selbstverständlichkeit im Umgang mit anderen verloren haben, sondern auch jegliche Selbstsicherheit. Dies zeigt sich besonders eindrücklich darin, dass der eigene Körper als fremd wahrge- nommen wird, nicht mehr mit der Vorstellung vom eigenen Ich in Einklang gebracht werden kann: Prcićs Ich-Erzähler Izzy etwa hat den Eindruck, er gehe auf Beinen, die nicht ihm gehörten, und sehe seine Hand zum ersten Mal in seinem Leben (2011, 15–16, 20–21). Hemons Protagonist Jozef Pronek wiederum spürt seine Fremdheit und Selbstentfremdung in einer massiven Verunsiche- rung seiner sexuellen Identität.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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