Page - 177 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Wer hat mehr gelitten?â â
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Das Einander-nicht-Verstehen steht, wie obige Zitate zeigen, im Zentrum
dieses Briefs. Proneks Versuch, die von ihm nicht gemachte Kriegserfahrung
fassbar zu machen, sie fĂŒr sich selbst zu ĂŒbersetzen (im wörtlichen wie im ĂŒber-
tragenen Sinn), ist zugleich jedoch eine Ăberwindung â oder, wie Proneks Kampf
mit der englischen Sprache zeigt, ein Kampf um die Ăberwindung â dieses Nicht-
Verstehens. Der Brief reflektiert nicht nur die Nicht-Vermittelbarkeit der Erfah-
rungen, er fĂŒhrt diese gleichzeitig zusammen. Die Wahl des (fehlerhaften) Engli-
schen als Zielsprache bedeutet darĂŒber hinaus eine Abkehr von der Sprache der
TĂ€ter*innen und Opfer dieses Krieges, kann also auch als ein â vielleicht immer
schon zum Scheitern verurteiltes â Bestreben gedeutet werden, den Krieg jenseits
einer TĂ€ter-Opfer-Dichotomie begreifen zu wollen.
In Kunderas Roman LâIgnorance ist das Nicht-Wissen und Nicht-Verste-
hen titelgebend. Der Bruder des nach Prag zurĂŒckgekehrten Emigranten Josef
erzÀhlt bei ihrem Wiedersehen von den Repressionen durch das kommunistische
Regime, unter denen die Familie nach Josefs Weggang zu leiden hatte. Wiewohl
Josef die Sicht seines im Land gebliebenen Bruders nicht teilt, ist er zumindest
bereit, diesem zuzuhören und imstande, ihn und seinen Ărger zu verstehen. Sein
Bruder hingegen fragt nicht einmal nach, was die Emigration fĂŒr Josef bedeutete
und was fĂŒr ein Leben er hatte; andernfalls hĂ€tte er beispielsweise erfahren, dass
Josefs dÀnische Frau vor kurzem gestorben ist. Er wÀre gezwungen gewesen, auch
Josefs Leiden anzuerkennen, und dies ist vielleicht der Grund, warum er es ver-
meidet, irgendwelche Fragen zu stellen.
Auch Irenas Begegnung mit ihren frĂŒheren Freundinnen in Prag verlĂ€uft
nicht gemÀà ihren Erwartungen. Niemand fragt sie nach ihrem Leben in der Emi-
gration; niemand scheint sich dafĂŒr zu interessieren, was sie in dem Versuch, in
einem neuen Land FuĂ zu fassen, durchmachen musste â ohne Hoffnung darauf,
jemals wieder in ihre Heimat zurĂŒckkehren zu können.
In LâIgnorance ist der ErzĂ€hler durchgehend ein heterodiegetischer, die vor-
herrschende Fokalisierung ist jedoch eine interne, die vorwiegend die Innensicht
der Emigrantin Irena und des Emigranten Josef wiedergibt â also deren Erleben
der Begegnungen mit den im Land Gebliebenen, deren Interpretation der ErzÀh-
lungen und vermuteten Gedanken von Prager Verwandten und Freunden. Selbst
in den Dialogen bleibt die Rede monologisch. Ein echter Austausch von Erlebtem
und Gedachtem findet nicht statt, jeder bleibt in seiner Welt und bei seinen vor-
gefassten Meinungen. Wie bei Hemon herrscht die Idee vor, die anderen könnten
sich das jeweils durchlebte Leid nicht vorstellen. So Ă€uĂert Josefs Bruder bei ihrer
ersten Wiederbegegnung:Â
âTu ne peux pas imaginer. Nous avons vĂ©cu des annĂ©es
atrocesâ (Kundera 2005, 75) [âDu kannst es dir nicht vorstellen. Wir haben grĂ€Ă-
liche Jahre erlebtâ (Kundera 2001, 59)]. Nicht-Wissen und mangelnde Empathie
werden schlichtweg vorausgesetzt.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher