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Wer hat mehr gelitten?
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Das Einander-nicht-Verstehen steht, wie obige Zitate zeigen, im Zentrum
dieses Briefs. Proneks Versuch, die von ihm nicht gemachte Kriegserfahrung
fassbar zu machen, sie für sich selbst zu übersetzen (im wörtlichen wie im über-
tragenen Sinn), ist zugleich jedoch eine Überwindung – oder, wie Proneks Kampf
mit der englischen Sprache zeigt, ein Kampf um die Überwindung – dieses Nicht-
Verstehens. Der Brief reflektiert nicht nur die Nicht-Vermittelbarkeit der Erfah-
rungen, er führt diese gleichzeitig zusammen. Die Wahl des (fehlerhaften) Engli-
schen als Zielsprache bedeutet darüber hinaus eine Abkehr von der Sprache der
Täter*innen und Opfer dieses Krieges, kann also auch als ein – vielleicht immer
schon zum Scheitern verurteiltes – Bestreben gedeutet werden, den Krieg jenseits
einer Täter-Opfer-Dichotomie begreifen zu wollen.
In Kunderas Roman L’Ignorance ist das Nicht-Wissen und Nicht-Verste-
hen titelgebend. Der Bruder des nach Prag zurückgekehrten Emigranten Josef
erzählt bei ihrem Wiedersehen von den Repressionen durch das kommunistische
Regime, unter denen die Familie nach Josefs Weggang zu leiden hatte. Wiewohl
Josef die Sicht seines im Land gebliebenen Bruders nicht teilt, ist er zumindest
bereit, diesem zuzuhören und imstande, ihn und seinen Ärger zu verstehen. Sein
Bruder hingegen fragt nicht einmal nach, was die Emigration für Josef bedeutete
und was für ein Leben er hatte; andernfalls hätte er beispielsweise erfahren, dass
Josefs dänische Frau vor kurzem gestorben ist. Er wäre gezwungen gewesen, auch
Josefs Leiden anzuerkennen, und dies ist vielleicht der Grund, warum er es ver-
meidet, irgendwelche Fragen zu stellen.
Auch Irenas Begegnung mit ihren früheren Freundinnen in Prag verläuft
nicht gemäß ihren Erwartungen. Niemand fragt sie nach ihrem Leben in der Emi-
gration; niemand scheint sich dafür zu interessieren, was sie in dem Versuch, in
einem neuen Land Fuß zu fassen, durchmachen musste – ohne Hoffnung darauf,
jemals wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können.
In L’Ignorance ist der Erzähler durchgehend ein heterodiegetischer, die vor-
herrschende Fokalisierung ist jedoch eine interne, die vorwiegend die Innensicht
der Emigrantin Irena und des Emigranten Josef wiedergibt – also deren Erleben
der Begegnungen mit den im Land Gebliebenen, deren Interpretation der Erzäh-
lungen und vermuteten Gedanken von Prager Verwandten und Freunden. Selbst
in den Dialogen bleibt die Rede monologisch. Ein echter Austausch von Erlebtem
und Gedachtem findet nicht statt, jeder bleibt in seiner Welt und bei seinen vor-
gefassten Meinungen. Wie bei Hemon herrscht die Idee vor, die anderen könnten
sich das jeweils durchlebte Leid nicht vorstellen. So äußert Josefs Bruder bei ihrer
ersten Wiederbegegnung:
„Tu ne peux pas imaginer. Nous avons vécu des années
atroces“ (Kundera 2005, 75) [„Du kannst es dir nicht vorstellen. Wir haben gräß-
liche Jahre erlebt“ (Kundera 2001, 59)]. Nicht-Wissen und mangelnde Empathie
werden schlichtweg vorausgesetzt.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher