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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Kritik der Empathie – oder: Das Opfer beißt zurĂŒck    191 zur Schau gestellt wird. Die Figuren verdanken ihre Existenz ganz offensichtlich den Fantasien des Autors. Diesen herkömmlichen Trick, mit dem auch schon Cer- vantes arbeitet, ergĂ€nzt Arsenijević durch postmoderne Techniken: Fiktion wird mitunter von Fakten durchsetzt, und das Spiel erhĂ€lt eine ernste Note: Das Asyl- zentrum im dĂ€nischen Avnstrup existiert jedenfalls noch heute.19 Predator, so können wir fĂŒrs Erste festhalten, stellt eine komplexe literari- sche Konstruktion dar, die sich in den Vordergrund schiebt und dergestalt das Denken der Leser*innen in Gang setzt. Es gilt die HandlungsfĂ€den zu erkennen, Figuren und SchauplĂ€tze zu identifizieren, eine FĂŒlle an Informationen zu ver- arbeiten – ohne dass eine allzu große Identifikation mit dem ErzĂ€hlten erlaubt wĂ€re. Wie die Held*innen, so sind auch die Leser*innen stĂ€ndig unterwegs, mit jeder ErzĂ€hlung mĂŒssen sie sich auf neue Kontexte und Abenteuer einstellen. Der Autor schafft es aber auch, seine Leserschaft emotional in den Bann zu ziehen. Und hier kommt das Mitleid mit all seinen paradoxen Eigenschaften ins Spiel. Unser Sadismus wird uns gewissermaßen vor Augen gefĂŒhrt, wir werden ertappt, wenn wir genĂŒsslich dem Leiden der anderen zusehen und enttĂ€uscht, wenn wir auf eine Fortsetzung dieses bequemen und darĂŒber hinaus spannend aufgebau- ten GefĂŒhls gehofft haben. Es ist vor allem der emotionale Wechsel, der sowohl fasziniert als auch verstört. Die Geschichten von Nihil Baksi20 und Dren Kastrati21 seien als Beispiel fĂŒr Arsenijevićs Empathiekritik unter die Lupe genommen. Predator setzt mit dem ersten persönlichen Treffen zwischen James Rice alias Oahu Jim, einem bekannten amerikanischen TV-Abenteurer, und Nihil Musa Baksi, einem irakisch-kurdischen FlĂŒchtling und Kannibalen, ein. Die beiden haben sich im Internet in einem Forum fĂŒr Vorarephilie und Anthropophagie kennen gelernt und möchten nun ihre Interessen in die Tat umsetzen: Im Falle von Jim handelt es sich um sexuelle Fantasien; Nihil Musa will seine aus der Not geborene Sucht nach Menschenfleisch stillen. Zum kannibalischen Akt, d.h. zum Verspeisen des Fernsehstars durch den FlĂŒchtling, kommt es allerdings erst am Ende des Buches, wenn die Oahu-Jim-Geschichte wieder aufgenommen und die klassische Opfer- und TĂ€ter-Dichotomie mit Ironie und bissigem Humor konterka- riert wird. Auf das MitgefĂŒhl der Leser*innen legt es der Autor in dieser Rahmen- erzĂ€hlung gar nicht an, die Opfer- und Empathiekritik, die sich durch den ganzen 19  Siehe https://www.rodekors.dk/det-goer-vi/roede-kors-asyl/asylcentre/center-avnstrup. 20  AusgefĂŒhrt vor allem in den ErzĂ€hlungen „Poslednja epizoda Oahu DĆŸima  #  1“, „Zemljaci“, „Poslednja epizoda Oahu DĆŸima  #  2“ (Arsenijević 2009, 5–38, 83–146, 147–194, 221–242) [Die letzte Episode von Oahu Jim  #  1, Landsleute, Die letzte Episode von Oahu Jim  #  2]. 21  AusgefĂŒhrt vor allem in der ErzĂ€hlung „Neukorenjenost“ (Arsenijević 2009, 39–74) [Wurzel- losigkeit].
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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