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Kritik der Empathie – oder: Das Opfer beißt zurück
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zur Schau gestellt wird. Die Figuren verdanken ihre Existenz ganz offensichtlich
den Fantasien des Autors. Diesen herkömmlichen Trick, mit dem auch schon Cer-
vantes arbeitet, ergänzt Arsenijević durch postmoderne Techniken: Fiktion wird
mitunter von Fakten durchsetzt, und das Spiel erhält eine ernste Note: Das Asyl-
zentrum im dänischen Avnstrup existiert jedenfalls noch heute.19
Predator, so können wir fürs Erste festhalten, stellt eine komplexe literari-
sche Konstruktion dar, die sich in den Vordergrund schiebt und dergestalt das
Denken der Leser*innen in Gang setzt. Es gilt die Handlungsfäden zu erkennen,
Figuren und Schauplätze zu identifizieren, eine Fülle an Informationen zu ver-
arbeiten – ohne dass eine allzu große Identifikation mit dem Erzählten erlaubt
wäre. Wie die Held*innen, so sind auch die Leser*innen ständig unterwegs, mit
jeder Erzählung müssen sie sich auf neue Kontexte und Abenteuer einstellen. Der
Autor schafft es aber auch, seine Leserschaft emotional in den Bann zu ziehen.
Und hier kommt das Mitleid mit all seinen paradoxen Eigenschaften ins Spiel.
Unser Sadismus wird uns gewissermaßen vor Augen geführt, wir werden ertappt,
wenn wir genüsslich dem Leiden der anderen zusehen und enttäuscht, wenn wir
auf eine Fortsetzung dieses bequemen und darüber hinaus spannend aufgebau-
ten Gefühls gehofft haben. Es ist vor allem der emotionale Wechsel, der sowohl
fasziniert als auch verstört. Die Geschichten von Nihil Baksi20 und Dren Kastrati21
seien als Beispiel für Arsenijevićs Empathiekritik unter die Lupe genommen.
Predator setzt mit dem ersten persönlichen Treffen zwischen James Rice alias
Oahu Jim, einem bekannten amerikanischen TV-Abenteurer, und Nihil Musa
Baksi, einem irakisch-kurdischen Flüchtling und Kannibalen, ein. Die beiden
haben sich im Internet in einem Forum für Vorarephilie und Anthropophagie
kennen gelernt und möchten nun ihre Interessen in die Tat umsetzen: Im Falle
von Jim handelt es sich um sexuelle Fantasien; Nihil Musa will seine aus der Not
geborene Sucht nach Menschenfleisch stillen. Zum kannibalischen Akt, d.h. zum
Verspeisen des Fernsehstars durch den Flüchtling, kommt es allerdings erst am
Ende des Buches, wenn die Oahu-Jim-Geschichte wieder aufgenommen und die
klassische Opfer- und Täter-Dichotomie mit Ironie und bissigem Humor konterka-
riert wird. Auf das Mitgefühl der Leser*innen legt es der Autor in dieser Rahmen-
erzählung gar nicht an, die Opfer- und Empathiekritik, die sich durch den ganzen
19 Siehe https://www.rodekors.dk/det-goer-vi/roede-kors-asyl/asylcentre/center-avnstrup.
20 Ausgeführt vor allem in den Erzählungen „Poslednja epizoda Oahu Džima # 1“, „Zemljaci“,
„Poslednja epizoda Oahu Džima
#
2“ (Arsenijević 2009, 5–38, 83–146, 147–194, 221–242) [Die letzte
Episode von Oahu Jim # 1, Landsleute, Die letzte Episode von Oahu Jim # 2].
21 Ausgeführt vor allem in der Erzählung „Neukorenjenost“ (Arsenijević 2009, 39–74) [Wurzel-
losigkeit].
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher