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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Kritik der Empathie – oder: Das Opfer beißt zurĂŒck    199 In Arsenijevićs Raubtier-Welt ist fĂŒr echte Tragik freilich kein Platz, und so schließt auch die ErzĂ€hlung „Wurzellosigkeit“ nicht mit diesem Schock und dem wenig spĂ€ter folgenden Tod des Helden. Dem Tod wird vielmehr eine ironische Note beigegeben. Dren irrt durch Berlin, er gerĂ€t zwischen die Fronten von Auto- nomen und Polizei und wird im Durcheinander des Gefechts von einem Polizeiwa- gen ĂŒberfahren. Marija Pavlović, die ihrerseits vom Zentrum fĂŒr interkulturellen Dialog deprimiert und betrunken nach Hause zurĂŒckkehrt, ist zufĂ€llig zur Stelle und nimmt sich des Opfers an. Einer PietĂ  nicht unĂ€hnlich hĂ€lt sie den sterben- den Dren im Arm und wird in dieser mitleidvollen Haltung von Fotograf*innen erspĂ€ht. Die Fotos machen Furore, und so erhĂ€lt die Geschichte ganz unerwartet ein ironisch markiertes Happy End. Der Tod, das Opfer, der Krieg haben sich – zumindest fĂŒr die Medien – gelohnt. Arsenijevićs Predator wartet mit mehreren Held*innen auf, die zweifellos Mitleid verdienen, und wir, die Leser*innen, werden im Laufe unserer LektĂŒre immer wieder auf ihre Seite gezogen. Doch bleiben uns die grĂ¶ĂŸeren und kleineren Fehltritte dieser Opfer, ihre egoistischen Kalkulationen und abgrĂŒndigen Leiden- schaften nicht verborgen. Die Opfer, und mit ihnen die Opfer-VerkĂ€ufer*innen, unterliegen in Predator ebenso deutlich der Kritik. So bringt Arsenijević, um noch einmal die Terminologie von KĂ€te Hamburger aufzugreifen, ein „ethisch neutrales“ Buch heraus. Durch vielfĂ€ltige Illusions-, Stil- und PerspektivbrĂŒche, durch provokativ inszenierte, mit Ironie versetzte Gewaltszenen, regt der Autor vor allem das Denken seiner Leserschaft an. Mit dieser intellektuellen Note weist Arsenijević weit ĂŒber seinen Text hinaus und – im besten Falle – auf die wirkli- chen Opfer in alten und neuen Zeiten hin. Eine EinschrĂ€nkung sei jedoch hinzu- gefĂŒgt: Predator zwingt uns wohl kaum dazu, Verantwortung im realen Leben zu ĂŒbernehmen, der LektĂŒre Taten folgen zu lassen. Eine solche – ethische und poli- tische – Rezeption wĂ€re zwar möglich, sie drĂ€ngt sich aber nicht auf. Mit dieser Problematik dĂŒrften auch die theoretischen Konzepte, die sich einer Kritik des Mitleids widmen, behaftet sein. Arsenijevićs unbequeme Schreibweise – die Leser*innen können sich im Mitleid nicht einrichten, alternative Lösungen sind gleichwohl nicht gegeben – könnte auch ein Grund fĂŒr die spĂ€rliche Rezeption des Romans sein. WĂ€hrend Arsenijević 1994 mit U potpalublju, einer postmodern-ironischen Antwort auf die beginnenden Kriege in Jugoslawien und die Kriegstreiberei in Serbien, ein großer Wurf gelang – sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen, darunter ins Deutsche, Englische und Französische ĂŒbersetzt31 –, sieht es mit Predator ganz anders aus. 31  Der englische Titel lautet In the Hold, der französische À fond de cale, der deutsche, der den Tetralogie-Titel aufgreift, Cloaca maxima: Eine Seifenoper.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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