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Kritik der Empathie – oder: Das Opfer beißt zurück
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In Arsenijevićs Raubtier-Welt ist für echte Tragik freilich kein Platz, und so
schließt auch die Erzählung „Wurzellosigkeit“ nicht mit diesem Schock und dem
wenig später folgenden Tod des Helden. Dem Tod wird vielmehr eine ironische
Note beigegeben. Dren irrt durch Berlin, er gerät zwischen die Fronten von Auto-
nomen und Polizei und wird im Durcheinander des Gefechts von einem Polizeiwa-
gen überfahren. Marija Pavlović, die ihrerseits vom Zentrum für interkulturellen
Dialog deprimiert und betrunken nach Hause zurückkehrt, ist zufällig zur Stelle
und nimmt sich des Opfers an. Einer Pietà nicht unähnlich hält sie den sterben-
den Dren im Arm und wird in dieser mitleidvollen Haltung von Fotograf*innen
erspäht. Die Fotos machen Furore, und so erhält die Geschichte ganz unerwartet
ein ironisch markiertes Happy End. Der Tod, das Opfer, der Krieg haben sich –
zumindest für die Medien – gelohnt.
Arsenijevićs Predator wartet mit mehreren Held*innen auf, die zweifellos
Mitleid verdienen, und wir, die Leser*innen, werden im Laufe unserer Lektüre
immer wieder auf ihre Seite gezogen. Doch bleiben uns die größeren und kleineren
Fehltritte dieser Opfer, ihre egoistischen Kalkulationen und abgründigen Leiden-
schaften nicht verborgen. Die Opfer, und mit ihnen die Opfer-Verkäufer*innen,
unterliegen in Predator ebenso deutlich der Kritik. So bringt Arsenijević, um
noch einmal die Terminologie von Käte Hamburger aufzugreifen, ein „ethisch
neutrales“ Buch heraus. Durch vielfältige Illusions-, Stil- und Perspektivbrüche,
durch provokativ inszenierte, mit Ironie versetzte Gewaltszenen, regt der Autor
vor allem das Denken seiner Leserschaft an. Mit dieser intellektuellen Note weist
Arsenijević weit über seinen Text hinaus und – im besten Falle – auf die wirkli-
chen Opfer in alten und neuen Zeiten hin. Eine Einschränkung sei jedoch hinzu-
gefügt: Predator zwingt uns wohl kaum dazu, Verantwortung im realen Leben zu
übernehmen, der Lektüre Taten folgen zu lassen. Eine solche – ethische und poli-
tische – Rezeption wäre zwar möglich, sie drängt sich aber nicht auf. Mit dieser
Problematik dürften auch die theoretischen Konzepte, die sich einer Kritik des
Mitleids widmen, behaftet sein.
Arsenijevićs unbequeme Schreibweise – die Leser*innen können sich im
Mitleid nicht einrichten, alternative Lösungen sind gleichwohl nicht gegeben –
könnte auch ein Grund für die spärliche Rezeption des Romans sein. Während
Arsenijević 1994 mit U potpalublju, einer postmodern-ironischen Antwort auf die
beginnenden Kriege in Jugoslawien und die Kriegstreiberei in Serbien, ein großer
Wurf gelang – sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen, darunter ins Deutsche,
Englische und Französische übersetzt31 –, sieht es mit Predator ganz anders aus.
31 Der englische Titel lautet In the Hold, der französische À fond de cale, der deutsche, der den
Tetralogie-Titel aufgreift, Cloaca maxima: Eine Seifenoper.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher