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Der Fluch des Viktimismusâ â
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gewarnt, die von diesem Gegenstand ausgeht, die sie jedoch ignorieren. Im
Verlauf des Gedichts werden die didaktische Struktur der Kindergruselgeschichte
(Warnung/Verbot â VerstoĂ â Bestrafung)10 und das traditionelle Finale variiert:
Der Held oder die Heldin der straĆĄilka stirbt oder wird durch den Gegenstand
verstĂŒmmelt. Zu der therapeutischen Funktion dieses Genres gehört die Befrei-
ung der Kinder von unbewussten Phobien. Burlaks Gedicht erweist sich als eine
wahre belarussische Gruselgeschichte fĂŒr Jung und Alt. Indem sie durch das
Galgensujet die wichtigsten gesellschaftlichen Ăngste und Sorgen des heutigen
Belarus artikuliert, befreit sie sich und ihre MitbĂŒrger*innen davon. Die pessimis-
tische Artikulation der viktimistischen PassivitÀt wird zur Schule des ersehnten
Mutes und der zivilgesellschaftlichen AktivitÀt.11
Der Text reflektiert auch die Reaktion der Ălteren auf diese âKinderprotesteâ:
Geht nicht auf die StraĂe oder zum Spielplatz, spielt nicht mit dem Galgen, sonst,
âsie haben Angst, es auszusprechenâ, werdet ihr gehĂ€ngt. Das ist die wichtigste
Lehre, die die Kinder aus der Geschichte ziehen sollen. Wie bereits erwÀhnt, wurde
der Text im Jahre 2003 verfasst, d.h. bereits in der Zeit der sich intensivierenden
Repressionen, aber noch vor den Protesten der 2000er Jahre. Umso tragischer ist
es, dass die dabei entworfene chronotopische Matrix â âKinderspielplatz â Platz
â Richtplatzâ â prophetisch wurde. 2006 und 2010 gingen auf die PlĂ€tze vorwie-
gend junge Menschen (Student*innen), die die offizielle belarussische Propa-
ganda als Kinder bezeichnete. Indem sie die Insurgenten systematisch als Nicht-
volljĂ€hrige (ânesoverĆĄennoletnieâ) bezeichnete, versuchte die Staatspropaganda
die Relevanz der Proteste herunterzuspielen.12 Die Staatsmacht war bemĂŒht, die
Protestbewegungen in die Topik der Flegeljahre einzuschreiben. In der offiziellen
Version der Ereignisse von 2006 sollte die Protestbewegung zum Ausdruck eines
10â Ausgehend vom Konzept der âdidaktischen Struktur des MĂ€rchensâ (Meletinskij 1986, 191),
die sich ihrerseits auf Vladimir Propps (1928) Morphologie des MĂ€rchens, stĂŒtzt, vermutet Sofâja
Lojter, dass das Sujet der straƥilka das ErzÀhlparadigma der MÀrchen weiterentwickelt (1997). Zu
anderen Spezifika des straĆĄilka-Genres siehe Lojter 1998 und Äerednikova 1995.
11â Narrative Segmente der Kindergruselgeschichte â in diesem, aber auch in den anderen Tex-
ten der Dichterin (vgl. DĆŸÄci 2003a; Burlak und Ćœybulâ 2008) â korrespondieren mit der Kinder-
reim-Poetik des spĂ€tavantgardistischen Absurdismus, die auf Daniil Charms (1905â1942) zurĂŒck-
geht. Burlak beschĂ€ftigt sich auĂerdem auch philologisch mit dem Thema: 2004 verfasste sie
die Monografie Detskaja poÄzija Serebjanogo veka: modernizm [Die Kinderpoesie des Silbernen
Zeitalters: Der Modernismus]. AuĂerdem ĂŒbersetzte sie Lewis Caroll (KÄral 2017). Zur Poetik Bur-
laks siehe auch Makmilin 2011, 712â717.
12â Vgl. die entsprechenden Zeugnisse in JurkoĆ 2011. Vgl. die Berichterstattung des belarus-
sischen Staatsfernsehens, z.B. die folgende âReportageâ: http://www.youtube.com/
watch? v=1E7
amE6Mv1w, 5. September 2018. Vgl. auch die Zu- und Beschreibungen der Protestierenden als
Pubertierende in den Aussagen des amtierenden PrÀsidenten: RIA Novosti 2011.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher