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Der Fluch des Viktimismus
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Galgensujets, eingebunden in die ideologische Parabolik der Emblematik, ver-
leiht dem Kalinoŭski-Mnemo topos eine allegorische Ausrichtung. Dabei fungiert
die Hinrichtungsrhetorik nicht nur in der klassischen Bedeutung der Allegorie
als metafora continua, sondern auch als Modus negativer Ontologie. Im Gal-
genchronotopos leben, oder genauer, sterben sowohl evidente Elemente (post-)
romantischer Heroik als auch spürbare Rudimente barocker thanatozentrischer
Figurationen.16
Jedoch ist Hinrichtung nicht gleich Hinrichtung, und für die belarussische
Kultur und Literatur erweist sich nicht nur das Exekutionssujet selbst als sinn-
bildend, sondern die Hinrichtung wird zudem konnotiert durch den Galgen als
schmählicher Tod. Wie bereits erwähnt, wurde Kalinoŭski zunächst zum Tod
durch Erschießen verurteilt, General Murav’ev ersetzte jedoch das Urteil durch
den schändlichen Galgen. Dieses Ersetzen wird von der belarussischen Erinne-
rungskultur in ein kenotisches Paradox umkodiert: Je entehrender und schmäh-
licher der Tod auf dem Richtplatz ist (im Falle Kalinoŭskis auf einem Platz in
Wilna), desto tragischer ist er. Dieses Pathos der Selbsterniedrigung verweist
darauf, dass belarussische Identitätssujets in den ethisch-narrativen Schemata
des christologischen Paradigmas verankert sind. Der Galgen offenbart seine Kon-
tiguität zum Schandkreuz.17
Dabei „kann nicht einmal Gott“ die feierliche Flagge einholen, wie es bei
Karatkevič heißt. Der christologische Subtext, auf den der belarussische Galgen-
diskurs immer wieder rekurriert, hebt die theomachischen byronistischen Gesten
nicht auf. Martyrologische Bilder werden oft durch Selbstdämosierungen roman-
tisiert, wie in Karatkevičs Gedicht „Njavesce Kalinoŭskaga“ [An Kalinoŭskis
Braut], in dem die Schlinge mit der Schlange verglichen wird (1987a). Karatkevič
16 Laut Walter Benjamin, der von seinen Beobachtungen allegorischer Figurationen im Barock
ausgeht, „bedeutet“ das allegorische Bild „genau das Nichtsein dessen, was es vorstellt“ (1978,
406).
17 In verschiedenen Kulturen werden unterschiedliche Chronotopoi der Hinrichtung präfe-
riert. So wurde in Russland, obwohl es dort nicht weniger Gehenkte gab (darunter fünf Dekab-
risten), die Enthauptung zur kulturell wichtigsten Art der Hinrichtung: von Vladimir Nabokovs
Roman Priglašenie na kazn’ [Einladung zur Enthauptung, 1938] bis zu Osip Mandel’štams poeti-
schen Thematisierungen der Axt-Hinrichtung, deren Bilder wie ein Leitmotiv seine Gedichte der
1920er–1930er Jahre durchziehen. Natürlich gibt es hier auch prominente Ausnahmen, wie z.B.
die seinerzeit politisch und ethisch aktuelle und viel gelesene Erzählung von Leonid Andreev
(1871–1919) Rasskaz o semi povešennych [Erzählung über sieben Gehenkte, 1908], jedoch ist die
Tendenz zur Zentralisierung der Enthauptung unstrittig. Dort, wo in der belarussischen Kultur
und Literatur der Galgen steht, steht in der russischen der Klotz.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher