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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Der Fluch des Viktimismus    215 Galgensujets, eingebunden in die ideologische Parabolik der Emblematik, ver- leiht dem Kalinoŭski-Mnemo topos eine allegorische Ausrichtung. Dabei fungiert die Hinrichtungsrhetorik nicht nur in der klassischen Bedeutung der Allegorie als metafora continua, sondern auch als Modus negativer Ontologie. Im Gal- genchronotopos leben, oder genauer, sterben sowohl evidente Elemente (post-) romantischer Heroik als auch spürbare Rudimente barocker thanatozentrischer Figurationen.16 Jedoch ist Hinrichtung nicht gleich Hinrichtung, und für die belarussische Kultur und Literatur erweist sich nicht nur das Exekutionssujet selbst als sinn- bildend, sondern die Hinrichtung wird zudem konnotiert durch den Galgen als schmählicher Tod. Wie bereits erwähnt, wurde Kalinoŭski zunächst zum Tod durch Erschießen verurteilt, General Murav’ev ersetzte jedoch das Urteil durch den schändlichen Galgen. Dieses Ersetzen wird von der belarussischen Erinne- rungskultur in ein kenotisches Paradox umkodiert: Je entehrender und schmäh- licher der Tod auf dem Richtplatz ist (im Falle Kalinoŭskis auf einem Platz in Wilna), desto tragischer ist er. Dieses Pathos der Selbsterniedrigung verweist darauf, dass belarussische Identitätssujets in den ethisch-narrativen Schemata des christologischen Paradigmas verankert sind. Der Galgen offenbart seine Kon- tiguität zum Schandkreuz.17 Dabei „kann nicht einmal Gott“ die feierliche Flagge einholen, wie es bei Karatkevič heißt. Der christologische Subtext, auf den der belarussische Galgen- diskurs immer wieder rekurriert, hebt die theomachischen byronistischen Gesten nicht auf. Martyrologische Bilder werden oft durch Selbstdämosierungen roman- tisiert, wie in Karatkevičs Gedicht „Njavesce Kalinoŭskaga“ [An Kalinoŭskis Braut], in dem die Schlinge mit der Schlange verglichen wird (1987a). Karatkevič 16  Laut Walter Benjamin, der von seinen Beobachtungen allegorischer Figurationen im Barock ausgeht, „bedeutet“ das allegorische Bild „genau das Nichtsein dessen, was es vorstellt“ (1978, 406). 17  In verschiedenen Kulturen werden unterschiedliche Chronotopoi der Hinrichtung präfe- riert. So wurde in Russland, obwohl es dort nicht weniger Gehenkte gab (darunter fünf Dekab- risten), die Enthauptung zur kulturell wichtigsten Art der Hinrichtung: von Vladimir Nabokovs Roman Priglašenie na kazn’ [Einladung zur Enthauptung, 1938] bis zu Osip Mandel’štams poeti- schen Thematisierungen der Axt-Hinrichtung, deren Bilder wie ein Leitmotiv seine Gedichte der 1920er–1930er Jahre durchziehen. Natürlich gibt es hier auch prominente Ausnahmen, wie z.B. die seinerzeit politisch und ethisch aktuelle und viel gelesene Erzählung von Leonid Andreev (1871–1919) Rasskaz o semi povešennych [Erzählung über sieben Gehenkte, 1908], jedoch ist die Tendenz zur Zentralisierung der Enthauptung unstrittig. Dort, wo in der belarussischen Kultur und Literatur der Galgen steht, steht in der russischen der Klotz.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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