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Der Fluch des Viktimismusâ â
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und modifiziert die bestehenden Schablonen des Paradigmas. AuĂerdem zeugen
die transtextuell-interkulturellen Metamor
phosen des Galgendiskurses von der
dynamischen Einheit mittel- und osteuropÀischer antikolonialer Sujets. Zentral
wird hier die ĂŒbersetzerische TĂ€tigkeit AndrÄj ChadanoviÄs, der (oder den) das
Galgenthema nicht loslĂ€sst. So kamen in die allein ChadanoviÄ gewidmete Son-
derausgabe der kulturhistorischen Zeitschrift Arche drei seiner Ăbersetzungen
aus dem Französischen (ChadanoviÄ 2002): François Villons âBallade des pendus
ou Ăpitaphe de François Villonâ, âDanse macabreâ von Charles Baudelaire und
âBal des pendusâ von Arthur Rimbaud. Zwei dieser Texte â jener von Rimbaud
und Villon â enthalten bereits auf der paratextuellen Ebene das Galgenmotiv.
Baudelaires Text untermauert diesen makabren Thanatozentrismus der Pioniere
der Moderne.
Besonderes Interesse stellt in dieser Hinsicht der Gehenkte Villon dar, der
seine âBallade des pendusâ der Legende nach im GefĂ€ngnis, auf seine Hinrich-
tung wartend, schrieb â genauso wie KalinoĆski. Vor der Hinrichtung, so die
Ăberlieferung, verfasste Villon auch das bekannte Epitaph âQuatrainâ, bekannt
in der UdSSR in der prominenten Ăbersetzung von Ilâja Ärenburg (1891â1967;
vgl. Vijon 1999). In der spÀtsowjetischen Kultur war Villon eine sehr bedeut-
same Gestalt nicht zuletzt dank der AutoritĂ€t von Osip MandelâĆĄtam (1891â1937),
der sich zeit seines Lebens fĂŒr das Leben und Werk des mittelalterlichen Dich-
ters interessierte. Die suizidal-fatalistische Furchtlosigkeit Villons entsprach
MandelâĆĄtams Suche nach der ultimativen poetischen und zugleich ethischen
Wahrheit. ChadanoviÄ folgt diesen Villon-Konnotationen, durch die Nachdich-
tung der berĂŒhmten Galgenballade schreibt er aber das Leben und Werk des fran-
zösischen Dichters zusÀtzlich in die intertextuelle Reihe der belarussischen Gal-
gentexte ein. Durch die Anreicherung des einheimischen Galgendiskurses durch
evidente oder latente Zitate und Anspielungen auf die Poesie der französischen
Dekadenz (bzw. der Proto-Dekadenz eines Villon) werden Erfahrungen der in der
Geschichte der belarussischen Literatur fehlenden Dekadenz mit der Selbstironie
postmodernistischer VerspÀtung nachgeholt.
Jedoch bleibt ChadanoviÄ nicht bei der Nachdichtung des Gedichts stehen.
Die Ăbersetzung ist nur ein Labor, und das intertextuell-biografische Villon-
Sujet erscheint dann auch in den eigenen Texten des belarussischen Dichters.
Im Gedicht âPrahrÄs u litÄraturyâ [Fortschritt in der Literatur], geschrieben im
fĂŒr ChadanoviÄ eher ungewöhnlichen Vers-libre, projiziert er die Lebenswege der
Klassiker der Weltliteratur (Anakreon, Sappho, Victor Hugo, William Faulkner,
Gabriel GarcĂa MĂĄrquez u.a.) aufs Heute. Die Geschichte Villons, des Gehenkten,
wird auf die Situation des gegenwĂ€rtigen Belarus ĂŒbertragen:
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher