Seite - 221 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Bild der Seite - 221 -
Text der Seite - 221 -
Der Fluch des Viktimismus
221
und modifiziert die bestehenden Schablonen des Paradigmas. Außerdem zeugen
die transtextuell-interkulturellen Metamor
phosen des Galgendiskurses von der
dynamischen Einheit mittel- und osteuropäischer antikolonialer Sujets. Zentral
wird hier die übersetzerische Tätigkeit Andrėj Chadanovičs, der (oder den) das
Galgenthema nicht loslässt. So kamen in die allein Chadanovič gewidmete Son-
derausgabe der kulturhistorischen Zeitschrift Arche drei seiner Übersetzungen
aus dem Französischen (Chadanovič 2002): François Villons „Ballade des pendus
ou Épitaphe de François Villon“, „Danse macabre“ von Charles Baudelaire und
„Bal des pendus“ von Arthur Rimbaud. Zwei dieser Texte – jener von Rimbaud
und Villon – enthalten bereits auf der paratextuellen Ebene das Galgenmotiv.
Baudelaires Text untermauert diesen makabren Thanatozentrismus der Pioniere
der Moderne.
Besonderes Interesse stellt in dieser Hinsicht der Gehenkte Villon dar, der
seine „Ballade des pendus“ der Legende nach im Gefängnis, auf seine Hinrich-
tung wartend, schrieb – genauso wie Kalinoŭski. Vor der Hinrichtung, so die
Überlieferung, verfasste Villon auch das bekannte Epitaph „Quatrain“, bekannt
in der UdSSR in der prominenten Übersetzung von Il’ja Ėrenburg (1891–1967;
vgl. Vijon 1999). In der spätsowjetischen Kultur war Villon eine sehr bedeut-
same Gestalt nicht zuletzt dank der Autorität von Osip Mandel’štam (1891–1937),
der sich zeit seines Lebens für das Leben und Werk des mittelalterlichen Dich-
ters interessierte. Die suizidal-fatalistische Furchtlosigkeit Villons entsprach
Mandel’štams Suche nach der ultimativen poetischen und zugleich ethischen
Wahrheit. Chadanovič folgt diesen Villon-Konnotationen, durch die Nachdich-
tung der berühmten Galgenballade schreibt er aber das Leben und Werk des fran-
zösischen Dichters zusätzlich in die intertextuelle Reihe der belarussischen Gal-
gentexte ein. Durch die Anreicherung des einheimischen Galgendiskurses durch
evidente oder latente Zitate und Anspielungen auf die Poesie der französischen
Dekadenz (bzw. der Proto-Dekadenz eines Villon) werden Erfahrungen der in der
Geschichte der belarussischen Literatur fehlenden Dekadenz mit der Selbstironie
postmodernistischer Verspätung nachgeholt.
Jedoch bleibt Chadanovič nicht bei der Nachdichtung des Gedichts stehen.
Die Übersetzung ist nur ein Labor, und das intertextuell-biografische Villon-
Sujet erscheint dann auch in den eigenen Texten des belarussischen Dichters.
Im Gedicht „Prahrės u litėratury“ [Fortschritt in der Literatur], geschrieben im
für Chadanovič eher ungewöhnlichen Vers-libre, projiziert er die Lebenswege der
Klassiker der Weltliteratur (Anakreon, Sappho, Victor Hugo, William Faulkner,
Gabriel García Márquez u.a.) aufs Heute. Die Geschichte Villons, des Gehenkten,
wird auf die Situation des gegenwärtigen Belarus übertragen:
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher