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Der Fluch des Viktimismus
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ker im Zeitalter von Internet, Massentourismus und Vogelgrippe ändern würde,
und in dieser Hinsicht ist die Politisierung des Villon-Sujets symptomatisch.
Jedes Galgenmotiv oder sogar ein entfernter metonymischer Verweis darauf wird
als eigen, bekannt und aktuell rezipiert. Es scheint, als ob sich der Selbstlauf
der Galgentopik nicht stoppen ließe. Der Galgen ist ein martyrologischer Magnet,
der das belarussische Schreiben anzieht – wegen seiner politischen Brisanz, aber
auch wegen seiner ästhetischen Totalität. Der Fluch des Viktimismus liegt auf der
belarussischen Kultur und Literatur.
Am Werk ist dabei ein unbedingter Galgenreflex mit seinen stereo
typisierten
Formen, metaphorischen Mustern und ästhetischen Tautologien, die im End-
effekt auch zu ethischen Klischees führen. Der einzige Weg zur Überwindung
dieses Reflexes ist seine Reflexion, im Rahmen der Literaturkritik, oder, noch
effektiver, in der Literatur selbst. Wie oft auch immer Chadanovič in seinen Inter-
views und publizistischen Statements die neue Lyrikergeneration aufrufen mag,
vom Galgenschreiben zugunsten einer Privatheitspoetik abzusehen, so wählt er
selbst nicht den Weg des Verzichts. Stattdessen transformiert er, zum einen, das
Galgenparadigma in seinen eigenen Texten. Zum anderen übersetzt er, durchaus
kongenial, Galgenballaden und andere Texte verdammter und gehenkter Dichter
der Weltliteratur. Chadanovič wählt also nicht das Verschweigen, nicht die
Flucht, sondern eine selbstkritische Revision und schmerzhafte dekonstruktive
Artikulation der poetisch-ethischen Abhängigkeit der belarussischen Literatur
von viktimistischen Narrativen.
Doch intertextuelle Verschiebungen der tradierten Muster stellen (nur)
punktuelle Deautomatisierungen des Verfahrens dar, ästhetisch effektiv und
effektvoll, die Mechanismen der ideologisch-identitären Anziehungskraft des
Galgenchronotopos greifen sie aber kaum an. Viel radikaler ist hingegen eine
kritische Auseinandersetzung mit den Figurationen der Hinrichtung selbst, eine
Revision, welche die Trägheit der Galgentopoi subvertiert und aufzeigt, wie durch
die ständige Reproduktion von Opfernarrativen die echte ethische und poetische
Trauerarbeit (mit ihren Retardierungen und Paraxismen) behindert wird. Die
vielleicht wichtigsten Experimente und Erfahrungen auf diesem Weg liefern wie-
derum die Texte von Chadanovič. Dem traditionellen oppositionellen Schreiben,
einem ideologisch berechtigten, aber daher poetisch nicht weniger bremsenden,
stellt Chadanovič nicht nur alternative Strategien zur Privatisierung lyrischer
Themen, sondern auch eine (meta-)literarische Selbstanalyse des Galgentraumas
entgegen. Zur praktischen Realisierung dieses Programms wurde bereits sein
erotisch-ironischer Gedichtband Listy z-pad koŭdry [Briefe von unter der Decke,
2003a], dessen Titel eine nicht zu übersehende dekonstruierende Anspielung auf
Kalinoŭskis Testament darstellt. In Chadanovičs Werk ergänzen die poetische
Praxis und die poetologische Reflexion einander. Seiner Meinung nach habe die
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher