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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Der Fluch des Viktimismus    223 ker im Zeitalter von Internet, Massentourismus und Vogelgrippe ändern würde, und in dieser Hinsicht ist die Politisierung des Villon-Sujets symptomatisch. Jedes Galgenmotiv oder sogar ein entfernter metonymischer Verweis darauf wird als eigen, bekannt und aktuell rezipiert. Es scheint, als ob sich der Selbstlauf der Galgentopik nicht stoppen ließe. Der Galgen ist ein martyrologischer Magnet, der das belarussische Schreiben anzieht – wegen seiner politischen Brisanz, aber auch wegen seiner ästhetischen Totalität. Der Fluch des Viktimismus liegt auf der belarussischen Kultur und Literatur. Am Werk ist dabei ein unbedingter Galgenreflex mit seinen stereo typisierten Formen, metaphorischen Mustern und ästhetischen Tautologien, die im End- effekt auch zu ethischen Klischees führen. Der einzige Weg zur Überwindung dieses Reflexes ist seine Reflexion, im Rahmen der Literaturkritik, oder, noch effektiver, in der Literatur selbst. Wie oft auch immer Chadanovič in seinen Inter- views und publizistischen Statements die neue Lyrikergeneration aufrufen mag, vom Galgenschreiben zugunsten einer Privatheitspoetik abzusehen, so wählt er selbst nicht den Weg des Verzichts. Stattdessen transformiert er, zum einen, das Galgenparadigma in seinen eigenen Texten. Zum anderen übersetzt er, durchaus kongenial, Galgenballaden und andere Texte verdammter und gehenkter Dichter der Weltliteratur. Chadanovič wählt also nicht das Verschweigen, nicht die Flucht, sondern eine selbstkritische Revision und schmerzhafte dekonstruktive Artikulation der poetisch-ethischen Abhängigkeit der belarussischen Literatur von viktimistischen Narrativen. Doch intertextuelle Verschiebungen der tradierten Muster stellen (nur) punktuelle Deautomatisierungen des Verfahrens dar, ästhetisch effektiv und effektvoll, die Mechanismen der ideologisch-identitären Anziehungskraft des Galgenchronotopos greifen sie aber kaum an. Viel radikaler ist hingegen eine kritische Auseinandersetzung mit den Figurationen der Hinrichtung selbst, eine Revision, welche die Trägheit der Galgentopoi subvertiert und aufzeigt, wie durch die ständige Reproduktion von Opfernarrativen die echte ethische und poetische Trauerarbeit (mit ihren Retardierungen und Paraxismen) behindert wird. Die vielleicht wichtigsten Experimente und Erfahrungen auf diesem Weg liefern wie- derum die Texte von Chadanovič. Dem traditionellen oppositionellen Schreiben, einem ideologisch berechtigten, aber daher poetisch nicht weniger bremsenden, stellt Chadanovič nicht nur alternative Strategien zur Privatisierung lyrischer Themen, sondern auch eine (meta-)literarische Selbstanalyse des Galgentraumas entgegen. Zur praktischen Realisierung dieses Programms wurde bereits sein erotisch-ironischer Gedichtband Listy z-pad koŭdry [Briefe von unter der Decke, 2003a], dessen Titel eine nicht zu übersehende dekonstruierende Anspielung auf Kalinoŭskis Testament darstellt. In Chadanovičs Werk ergänzen die poetische Praxis und die poetologische Reflexion einander. Seiner Meinung nach habe die
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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