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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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OpfertĂ€ter und TĂ€teropfer als Figurationen des Dritten?    239 Dr. Hoffmann. Man lĂ€sst diese Kultur und den beruflichen Erfolg des Mediziners quasi inoffiziell gewĂ€hren, was auch Peter Paul Schwarz als ein komplexes Cha- rakteristikum fĂŒr die bildungsbĂŒrgerlichen LebensverhĂ€ltnisse im damaligen Ostdeutschland geltend machen konnte (2015). Der Reigen soll (dann wieder etwas ausfĂŒhrlicher) geschlossen werden mit AntĂłnio Lobo Antunes’ Diktatoren- und Familienroman Das Handbuch der Inqui- sitoren (1997 [1996]). Der ReprĂ€sentant des Salazar-Regimes in Portugal, ein Groß- grundbesitzer und Minister, wird nach der „Nelkenrevolution“ vom TĂ€ter seiner Epoche zum Opfer der Zeit, der diskontinuierlichen EinbrĂŒche, des Alters, der Ökonomie und seiner eigenen Erinnerungen, die sich in einem polyfonen Chor als einzig wahre EntitĂ€ten gegenĂŒber sozialen und politischen VerhĂ€ltnissen behaupten und damit jeglichen TĂ€ter- und Machtanspruch entlarven und relati- vieren. Durch die inneren Monologe des dahinsiechenden und zur PassivitĂ€t in einem Altersheim verdammten Patriarchen und Ministers werden kategoriale Ein- teilungsraster hinterfragt. Aus den drei Romanexempeln und ihrer Protagonisten, die auch aufgrund der Narrativierung und Figuralisierung dreier unterschiedli- cher Regime ausge wĂ€hlt wurden, kann daher als Hypothese gefolgert werden: Die KomplexitĂ€t von Schuldkompensation sowie von Opfernarrativen inner- halb der Genese von GedĂ€chtnis- und Erinnerungskulturen kann ĂŒber dialekti- sche oder auch liminal organisierte Figurenzeichnungen angemes sener erfasst werden als ĂŒber Dichotomien, denen sich literarische KreativitĂ€t freilich auch nicht beugen muss. Über den literarischen Text wird auf diese Weise ein alterna- tiver Zugang zur Konfrontation mit der Vergangenheit und der Entstehung von Opfer/TĂ€ter-Symbiosen und tertiĂ€ren Figuren als einer der Diktatur hĂ€ufig inskri- bierten Funktionsweise und als einer im Totalitarismus sich bildenden Position möglich. Denn die Figur des Dritten stellt eine solche (fiktive?) Alternative gegen- ĂŒber binĂ€ren Beschreibungs optionen dar. Sie veranschaulicht also etwas, was in auf Eindeutigkeit ausgerichteten RealitĂ€tskonzeptionen nicht gedacht werden kann, aber dennoch unhintergehbar geworden ist, um reale Machtkonditionen und sich daraus ergebende Verhaltensvarianten beschreiben und erkennen zu können. Literarische Texte konzipieren damit einen Entwurf jenseits des Fakti- schen und des Unmittelbaren, mit dessen Hilfe sich jedoch der unleugbaren Fak- tizitĂ€t der Macht und der Gewalt angenĂ€hert werden kann. Darin hat Rolf Grimminger bereits 2000 eine der wesentlichen Funktionen der Ă€sthetischen Gestaltung der Gewalt diagnostiziert. „Die Kunst schließt sym- bolisch ein und de facto aus: die Gewalt, den Schmerz, den Tod“, so ist Grimmin- ger ĂŒberzeugt. Denn all das sind nicht weiter hintergehbare Gegebenheiten des Daseins, weit ab von der KĂŒnst- lichkeit der Kunst und gerade deshalb fĂŒr sie notwendig. Literarische Texte holen etwas in
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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