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Opfertäter und Täteropfer als Figurationen des Dritten?
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Dr. Hoffmann. Man lässt diese Kultur und den beruflichen Erfolg des Mediziners
quasi inoffiziell gewähren, was auch Peter Paul Schwarz als ein komplexes Cha-
rakteristikum für die bildungsbürgerlichen Lebensverhältnisse im damaligen
Ostdeutschland geltend machen konnte (2015).
Der Reigen soll (dann wieder etwas ausführlicher) geschlossen werden mit
António Lobo Antunes’ Diktatoren- und Familienroman Das Handbuch der Inqui-
sitoren (1997 [1996]). Der Repräsentant des Salazar-Regimes in Portugal, ein Groß-
grundbesitzer und Minister, wird nach der „Nelkenrevolution“ vom Täter seiner
Epoche zum Opfer der Zeit, der diskontinuierlichen Einbrüche, des Alters, der
Ökonomie und seiner eigenen Erinnerungen, die sich in einem polyfonen Chor
als einzig wahre Entitäten gegenüber sozialen und politischen Verhältnissen
behaupten und damit jeglichen Täter- und Machtanspruch entlarven und relati-
vieren. Durch die inneren Monologe des dahinsiechenden und zur Passivität in
einem Altersheim verdammten Patriarchen und Ministers werden kategoriale Ein-
teilungsraster hinterfragt. Aus den drei Romanexempeln und ihrer Protagonisten,
die auch aufgrund der Narrativierung und Figuralisierung dreier unterschiedli-
cher Regime ausge
wählt wurden, kann daher als Hypothese gefolgert werden:
Die Komplexität von Schuldkompensation sowie von Opfernarrativen inner-
halb der Genese von Gedächtnis- und Erinnerungskulturen kann über dialekti-
sche oder auch liminal organisierte Figurenzeichnungen angemes
sener erfasst
werden als über Dichotomien, denen sich literarische Kreativität freilich auch
nicht beugen muss. Über den literarischen Text wird auf diese Weise ein alterna-
tiver Zugang zur Konfrontation mit der Vergangenheit und der Entstehung von
Opfer/Täter-Symbiosen und tertiären Figuren als einer der Diktatur häufig inskri-
bierten Funktionsweise und als einer im Totalitarismus sich bildenden Position
möglich. Denn die Figur des Dritten stellt eine solche (fiktive?) Alternative gegen-
über binären Beschreibungs
optionen dar. Sie veranschaulicht also etwas, was in
auf Eindeutigkeit ausgerichteten Realitätskonzeptionen nicht gedacht werden
kann, aber dennoch unhintergehbar geworden ist, um reale Machtkonditionen
und sich daraus ergebende Verhaltensvarianten beschreiben und erkennen zu
können. Literarische Texte konzipieren damit einen Entwurf jenseits des Fakti-
schen und des Unmittelbaren, mit dessen Hilfe sich jedoch der unleugbaren Fak-
tizität der Macht und der Gewalt angenähert werden kann.
Darin hat Rolf Grimminger bereits 2000 eine der wesentlichen Funktionen
der ästhetischen Gestaltung der Gewalt diagnostiziert. „Die Kunst schließt sym-
bolisch ein und de facto aus: die Gewalt, den Schmerz, den Tod“, so ist Grimmin-
ger überzeugt. Denn
all das sind nicht weiter hintergehbare Gegebenheiten des Daseins, weit ab von der Künst-
lichkeit der Kunst und gerade deshalb für sie notwendig. Literarische Texte holen etwas in
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher